Trip in den ganz hohen Norden - auf zur Traumerfüllung am Außenposten russischer Kultur und Zivilisation in der Arktis, Juni 2014
Kopenhagen (Amager, Kastrup) - Oslo Gardermoen - Longyearbyen - Nybyen - (Esmarch Gletscher) - Barentsburg - (Grumant) - Eidsvoll
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Tag6:

Um drei Uhr steht der weiß-blaue Volvo-Bus vor dem Rezeptionsgebäude. Außer mir steigen ein paar bereits vom Hinflug bekannte Nasen ein. Schnell shoote ich noch ein paar Kennzeichen für einen im Laufe der Jahre liebgewonnen Internetbekannten, der voll auf Kennzeichen abfährt und diese sammelt (und auch auf seiner Internetpräsenz zeigt) und steige als letzter ein. Der gleiche weißhaarige Typ wie auf der Hinfahrt lässt erst alle einsteigen und sich hinsetzen und kommt dann zum Abkassieren durch den Bus. Bam, wieder sind circa 7,5€ mehr auf der Uhr. Fast zwei Stunden vor dem Abflug des SAS-Jets nach Oslo Gardermoen stehe ich vor dem Terminal und haue mich auf ein Sofa. Nachdem der Schwall der anderen Fluggäste durch die SiKo durch ist, passiere auch ich die Schleuse und lasse mangels Alternative weitere gut 5,-€ für ein belegtes Brötchen vor Ort. Norwegen ist ein teures Pflaster, das kann ich nun doppelt und dreifach unterschreiben. Schlimmes Indiz für meinen Gemütszustand, dass ich bei derartigen finanziellen Transaktionen schon gar nicht mehr mit den Zähnen knirsche sondern aus dem tiefsten Inneren heraus die Widerstände aufgegeben, kapituliert habe. Aber fest steht, dass ich so schnell nicht wiederkommen werde. Wozu auch, habe für meine Bedürfnisse alles gesehen. An Barentsburg kommt eh nichts heran. Darüber hinaus wird Barentsburg nie wieder so sein, wie ich es erlebt habe. Also, abhaken und ab nach Hause. Eindrücke mitnehmen, verarbeiten und speichern. Und beim Denken an Barentsburg ein Leben lang Freude und Zufriedenheit empfinden. So wie jetzt, beim Tippen dieser Zeilen im Juli 2014. Sollte es mich irgendwann wieder in diese Ecke verschlagen (erwähne ich nur, weil man bekanntermaßen niemals nie sagen soll), dann ausschließlich Barentsburg (ggf. Pyramiden) wegen.

Im gut ausgelasteten Flieger bleibt der Mittelplatz zwischen mir und der Asiatin frei und so kann ich recht unverkrampft mit der ans Fenster gelehnten Birne knacken, was auch formidabel gelingt. Rechtzeitig vor der Anflugschleife über Oslo komme ich aus dem Dreamland zurück und erhasche schöne Blicke auf Oslo. Holmenkollen, Akershus und das Rathaus sind bestens auszumachen. Das Wetter ist top. Recht sonnig und mit 20° schön warm. Um 9 Uhr stehe ich vor dem Terminal und habe noch fünf Stunden bis zum Weiterflug nach Kopenhagen zu überbrücken. Die Frage ist, wie ich das nun am gescheitesten anstelle. Es bringt nichts, dass ich mich darüber ärgere, beim Buchungsvorgang vor über einem halben Jahr nicht einfach die schnellste Flugverbindung von Longyearbyen nach Hannover eingeloggt zu haben (ich hatte beim Buchungsvorgang volle Kanone Bock auf eine Zwischenasselei). Es bringt auch nichts, dass ich den Aufenthalt viel lieber in Kopenhagen hätte. Es bringt auch nichts, derart müde und geizig den Ritt nach Oslo anzutreten. Zumal ich Anfang August eh wieder in die norwegische Hauptstadt komme.

 

 

 

Am Flughafen sinnlos die Sekunden beim Verstreichen zu beobachten ist aber auch keine Lösung also entscheide ich mich für einen Besuch in der geschichtsträchtigen Stadt Eidsvoll (ungefähr 25.000 Einwohner und Wiege der neue Maßstäbe setzenden, damals liberalsten, der norwegischen Verfassung, hier (w) gibt es mehr Info). Angenehme Fügung, dass sich Eidsvoll so nah beim Flughafen Gardemoen befindet und dass der Bahn-Ritt pro Strecke "nur" relativ faire 4,-€ (übrigens knapp über zwanzig Minuten Fahrtdauer) kostet.

Ab nach Eidsvoll. Das Ticket ziehe ich mir an einem Automaten und habe keinen Plan, ob ich es noch validieren muss. Also steige ich da ein, wo die hübsche Zugbegleiterin steht und sie meint nur, ich solle erst mal einsteigen und mir keinen Stress machen sondern die Fahrt genießen. Na dann folge ich mal besser den Anweisungen, atme mehrfach tief durch und entspanne mich. Kontrolliert werde ich natürlich nicht. Der Zug ist recht voll und so sitze ich im Fahrradabstellbereich. Mir gegenüber ein mit Leckereien lockender Automat, der auch VISA frisst. Fressen würde. Konjunktiv, denn die Preise halten mich davon ab, es den vielen Mitreisenden gleichzutun. So fühlt es sich also an, ein armes Schwein unter reichen Leuten zu sein. Kenne das Gefühl zwar durchaus aus vergangenen Zeiten, aber so mies hatte ich es nicht in Erinnerung und wirklich lange nicht mehr wahrgenommen. Monaco? Nizza? Paris? Kopemhagen? Alles ein Scheiß verglichen mit den Begebenheiten in Norwegen! Klar hätte mich ein Hanuta-Verschnitt für circa 2,-€ nicht gekillt aber ich habe schließlich meine (Geiz-) Prinzipien.

So nah und doch so fern...
So nah und doch so fern...

In Eidsvoll checke ich erst die Lage und latsche dann an den See.

Bevor ich den Stadtspaziergang durch Eidsvoll starte, müssen natürlich die Rückverbindungen zum Flughafen Gardermoen (w) abgecheckt werden: ungefähr zweimal pro Stunde fährt einer
Bevor ich den Stadtspaziergang durch Eidsvoll starte, müssen natürlich die Rückverbindungen zum Flughafen Gardermoen (w) abgecheckt werden: ungefähr zweimal pro Stunde fährt ein Zug

Auf einen Besuch der Bahnhofstoilette für 10,- NOK verzichte ich und beglücke stattdesssen einen Baum. Am See. Dieser weckt sofort meine müden Geister. Alles richtig gemacht, Eidsvoll liegt in malerischer Umgebung und hat alles, was ich momentan brauche. Natur, Liebreiz, Beschaulichkeit, ein Denkmal, eine extrem sehenswerte Brücke und ein verschlafenes Stadtbild. Da fällt es mir nicht schwer, einen weiteren Gang runterzuschalten. Da kommt er langsam wieder, der Genuss.

Vorma (w), der Abfluss des Mjøsa-Sees bei Eidsvoll
Vorma (w), der Abfluss des Mjøsa-Sees (größter See Norwegens; w) bei Eidsvoll (map)

Wenige Schritte vom neuen Bahnhof entfernt freue ich mich außer über den Sonnenschein und die Landschaft über eine großen Holzsteg, der von Booten frequentiert wird. Hätte auch Bock, mich über den Abfluss des größten norwegischen Sees schippern zu lassen. Aber selbst wenn sich eine Bootsfahrt zeitlich einbauen ließe, hätte ich wohl kaum die Kohle für ein solches Vergnügen. Spazierengehen und sich an der Umgebung erfreuen kostet genausoviel wie das Tanken von Styles: nichts außer scharfe Sinne und die Bereitschaft dazu. Wie schön. So mache ich es während der folgenden knapp zwei Stunden in Eidsvoll.

Eidsvoll: Yachtclub oder Bootshafen?
Eidsvoll: Yachtclub oder Bootshafen?

Entspannt und offen für neue Eindrücke verlasse ich die Holzbrücke und schlendere Richtung Innenstadt. Dabei komme ich am alten Bahnhof vorbei.

Eidsvoll, alter Bahnhof
Eidsvoll, alter Bahnhof

Wenig später stehe ich vor einer imposanten stählernen, betagten Brückenkonstruktion über den/die (?) Vorma. Über den Abfluss des größten Sees Norwegens jedenfalls. Für PKW ist die Brücke übrigens nur in eine Richtung, und zwar zum Bahnhof hin, befahrbar.

Eidsvoll: stählerne, betagte Brückenkonstruktion über den/die (?) Vormla
Eidsvoll: stählerne, betagte Brückenkonstruktion über den/die (?) Vorma

Am Zugang zur Brücke steht ein Denkmal, gewidmet der Verfassung von Eidsvoll (Link1 - Link2).

Denkmal, gewidmet der Verfassung von Eidsvoll
Denkmal, gewidmet der Verfassung von Eidsvoll

Denkmal, gewidmet der Verfassung von Eidsvoll

Über die Brücke erreiche ich die Innenstadt bzw. das Zentrum von Eidsvoll.


Blick von der Eisenbrücke auf den neuen Bahnhof von Eidsvoll und den bereits erwähnten hölzernen Vormla-Steg
Blick von der Eisenbrücke auf den neuen Bahnhof von Eidsvoll und den bereits erwähnten hölzernen Vorma-Steg
Gerner-Wohnanlage, Eidsvoll
Gerner-Wohnanlage, Eidsvoll

Eidsvoll empfängt mich mit typisch skandinavischem, malerischen Liebreiz. Alles ist sauber, gepflegt und irgendwie geschätzt unschuldig. Rein. Offen, liberal, ehrlich. Klar, das sind alles Stereotypen, aber diese haben nach meinem Empfinden hier und da durchaus noch eine Daseinsberechtigung. Oder anders formuliert: vielerorts werden in Skandinavien noch die Vorurteile, eine heile Welt vorzufinden, auf den ersten Blick bestätitg. Wie auch immer, in Eidsvoll spüre ich den Geist von good old Sonderburg und fühle mich auf Anhieb wohl. Ich schlendere durch den Ort und halte Ausschau nach einem Supermarkt.

Eidsvoll, Einkaufsstraße im Zentrum
Eidsvoll, Einkaufsstraße im Zentrum
Eidsvoll, Einkaufsstraße im Zentrum: Blick Richtung Vormla-Brücke
Eidsvoll, Einkaufsstraße im Zentrum: Blick zurück Richtung Vomla-Brücke

Zack, schon finde ich den ersten Supermarkt. Von dessen Art es noch ein paar mehr in Eidsvoll gibt, wie ich im weiteren Verlauf des Stadtspaziergangs herausfinden werde. Dieser hier ist in einem erstaunlich ostigen Gebäude untergebracht und erhält den Zuschlag.

Erstaunlich ostiger Supermarkt in einem stylishen Gebäude, Eidsvoll, Norwegen
Erstaunlich ostiger Supermarkt in einem stylishen Gebäude, Eidsvoll, Norwegen

Die Preise sind leider alles andere als ostig. Mein Magen knurrt, ich bin mittlerweile für meine Relationen arg gleichgültig und schmerzbefreit und zudem Kummer gewöhnt, also stelle ich mir für den Maximalbetrag von umgerechnet zehn Euro ein Frühstückspaket zusammen. Gar nicht so leicht. Zwei Bananen, ein Apfel, zwei Brötchen und eine Erdbeermilch (0,5L für drei Tacken... ) und schon kratzt mein Einkaufskorb am vorher gesetzten Limit. Es ist so wie es ist und ich kann es nicht ändern. Soll ich vor Hunger kotzen? Nee, also zahle ich und suche mir ein schönes Plätzchen fürs Frühstück im Freien. Die (Ab-) Flusspromenade ist frisch hergerichtet und kann was. Überall laden attraktive Sitzgelegenheiten mit Ausblick zum Chillen ein. Ich entscheide mich für eine Bank an ´nem tollen Springbrunnen.

(Ab-) Flusspromenade, Eidsvoll
(Ab-) Flusspromenade, Eidsvoll
Springbrunnen in Eidsvoll, Zeit fürs Frühstück
Springbrunnen in Eidsvoll, Zeit fürs Frühstück

Nach dem Frühstück ist es an der Zeit, den Rückweg anzutreten, Durch Eidsvoller Idylle zum Bahnhof und weiter mit der Norwegischen Staatsbahn (w) zurück zum Airport Oslo Gardermoen.

Rückweg über die Vormla-Brücke zum Bahnhof von Eidsvoll
Rückweg über die Vorma-Brücke zum Bahnhof von Eidsvoll

Die Bahn hat ein wenig Verspätung, als ich sie am Flughafen verlasse. Egal, ich habe an einen Puffer gedacht. Der Flug von Oslo Gardermoen nach Kopenhagen Kastrup ist kurzweilig, weil ich ihn komplett vom Start bis zur Landung röchelnd und zuckend verschlafe. Meine armen pubertären Sitzreihennachbarinnen. In Kopenhagen gelandet wird es eng, denn auch der Flieger hat Verspätung. Auf den vorletzten Drücker erreiche ich das Gate für den Anschlussflug nach Hannover. Wenigstens bleibt zwischendurch genug Zeit, die beiden seit Chicago mitgeführten 0,5L-Buddeln auf der Airporttoilette mit Trinkwasser aufzufüllen. Nähere mich wieder bedenklich der Dehydration. An Bord des SAS-Jets gibts für einen sparsamen deutschen Heinz wie mich ja nüscht.

Um 16h betrete ich heimischen Boden. Um 16:20h greife ich die Reisetasche vom Band ab und begebe mich zum S-Bahnhof. Um 17:05h falle ich hundemüde ins Bett und ratze zwei Stunden, ehe ich mich endlich wieder in der Küche austoben und einen schönen Abend zuhause verbringen darf. Zack, schon ist der Arktis-Trip Geschichte.

Ist er das wirklich? Nein. Fazit folgt noch.