Mal kurz an den Ladogasee, Oktober 2012
Tallinn - Narva - St. Petersburg - Schlüsselburg - Kronstadt - Tallin
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Tag3:

Bereits um 8:00 Uhr Ortszeit, in Hannover ist es gerade erst 6:00 Uhr, stehe ich auf und schiebe die leider alles andere als blickdichten Vorhänge zur Seite. Was ich sehe, weiß zu begeistern. Da hat das Drücken der Wetterdaumen tatsächlich etwas gebracht. Der Wettergott ist mir heute anscheinend gnädig, jippieh! Und so verliere ich nach dem Frühstück keine Zeit, sondern latsche direkt los an die Newa, Richtung Eremitage. Anschließend starte ich den großen Spaziergang, das große Sightseeing.


Der Eherne Reiter (w)


St. Petersburg, Newa: rechts zu sehen der überdachte Asselplatz, den ich in den gestrigen Abendstunden begeistert nutzte
St. Petersburg, Newa: rechts zu sehen der überdachte Asselplatz, den ich in den gestrigen Abendstunden begeistert nutzte

St. Petersburg, Eremitage - sieht bei Sonnenschein naturgemäß gleich um Längen schöner aus!
St. Petersburg, Winterpalast / Eremitage - sieht bei Sonnenschein naturgemäß gleich um Längen schöner aus!

Gestern noch bin ich von der Eremitage aus Richtung Newsky Prospekt marschiert, heute spaziere ich über eine der wichtigsten St. Petersburger Klappbrücken hinüber auf die Wasilevskyinsel. An deren nordöstlichem Ende hat man einen wundervollen Blick auf die Eremitage, die Peter und Paul Festung und die breite Newa gleichermaßen. Angeblich befindet sich hier der für Hochzeitsfotos beliebteste Ort der Stadt. Gut möglich, denn auch heute sehe ich mehrere frisch vermählte Paare samt Fotograf im Schlepptau.

Peter und Paul Festung, St. Petersburg
Peter und Paul Festung, St. Petersburg

Eremitage

Peterhof Express auf dem Weg nach Pushkin

Nordöstliche Spitze der Wasilevsky-Insel

Sankt Petersburg

Haseninsel, Sankt Petersburg: Sandstrand an der Newa

Peter und Paul, Sankt Petersburg

Peter und Paul, St. Petersburg



Volltreffer!

Mit Verlassen der Haseninsel habe ich das touristische Pflichtprogramm für Sankt Petersburg zumindest grob abgespult. Museumsbesuche sind sowieso nicht mein Ding. Ausstellungsbesuche ebenfalls nicht. Ich schaue mir die Dinge lieber von außen an. Und das habe ich nun auch einigermaßen vollständig getan. Nachdem ich gestern bereits Schlüsselburg besucht habe, steht heute ein weiterer geschichtsträchtiger, endzeitmäßiger und auch aus geografischer Sicht extrem faszinierender Ort auf meiner Speisekarte: Kronstadt. Mein erster Anlaufpunkt ist also die nächstgelegene Metrostation. Diese nennt sich Gorkovskaya. Dort steige ich in die blaue Linie2. Der Umstieg in die violette Linie5 erfolgt in Sennaya Ploschad/Spasskaya/Sadovaya (der Knotenpunkt überhaupt in St. Petersburg). An der Station Staraya Derevnya erblicke ich wieder Tageslicht und mache mich gleich auf die Suche nach dem Bus, der mich gen Kronstadt (w) aka Kronshtadt bringen soll. Ich frage mich durch und bekomme den Tipp, die 101 zu nehmen. Was heißt hier bitte "ich bekomme den Tipp"? Ich bin in Russland! Korrespondierend zu den bereits gesammelten Erfahrungen als deutscher und der slawischen Sprache sowie dem kyrillischen Alphabet alles andere als schutzlos ausgeliefertem Gast begleitet mich ein auf den ersten Blick nicht besonders freundlich ausschauender Local mit aus optischer Sicht massivst slawischem Einschlag kurzentschlossen persönlich zur entsprechenden Bushaltestelle, die ich ohne seine Hilfe wohl kaum gefunden hätte. Ein Hoch auf die russische Hilfsbereitschaft, die ich nun schon zum wiederholten Male in Anspruch nehmen darf.

Es ist die 101, die mich ins locker 40Km entfernte Kronstadt fährt. Das Preis-Leistungsverhältnis ist sensationell; lediglich 23,- Rubel sind beim Geldeintreiber zu entrichten und ich bekomme im Gegenzug zum überreichten Fuffi nicht nur eine handvoll Münzen sondern auch einen äußerst stylishen Fahrschein. Der Bus ist total überfüllt, nur Dank skrupellos eingesetzten Ellenbogen ergattere ich einen der wenigen begehrten Sitzplätze. Leider mit Blick entgegen der Fahrtrichtung. Aus dieser Not mache ich eine Tugend und studiere während der folgenden einstündigen Fahrt, bei der das Vehikel an jeder Milchkanne Leute ein- und aussteigen läßt, die Locals. Dabei lausche ich bekannten MP3-Klängen und übe mich in Vorfreude auf das, was ich in Kronstadt zu finden hoffe: atmosphärisch dichten, endzeitmäßig-bronxig-ostig-historischen Style!

Schon während der Fahrt über den Petersburger Damm (w) galoppiert mein Herz vor Freude beinahe davon. Die Lage der Stadt ist definitiv der Knaller. Einzigartig. Die Endstation der Buslinie 101 befindet sich direkt bei einen rund um die Uhr geöffneten Supermarkt, den ich natürlich sofort inspiziere. Am Eingang gammelt ein gutes Dutzend Hardcore-Säufer-Eulen herum. Der Assi-Pulk beäugt mich hochinteressiert, textet mich jedoch unerwarteterweise nicht voll. Tja, das ist einer der Vorteile Osteuropas: die Locals sind distanziert, skeptisch und überwiegend ostig-korrekt.

Wie schon in Schlüsselburg ähnelt das preisliche Niveau jenem in Sankt Petersburg. Während meiner Visite im Supermarkt werde ich übrigens permanent von einem Sicherheitsmitarbeiter verfolgt und beobachtet. Extrem nervig. Deshalb sage ich dem Typen, dass ich ein harmloser deutscher Tourist bin und keinen Bock auf seine Begleitung habe. Das ganze natürlich auf Deutsch. Sieh an, fortan darf ich die Angebote auch ohne Schatten inspizieren. Ich entscheide mich letzten Endes für ein kleines Fresspaket bestehend aus Räucherfischkreationen, Mineralwasser, russischer Cola und Bier aus Sibirien. Nun brauche ich nur noch einen adäquaten Asselplatz, wenn möglich am Meer. Hochmotiviert bis in die wenigen verbliebenen Haarspitzen mache ich mich auf die Suche nach eben jenem. Zuvor erwerbe ich einen wohlschmeckenden Apfel à la Holsteiner Cox von einer lächelnden, mich preislich vermutlich abziehenden Marktfrau. Ob diese mich nun gelinkt hat oder nicht, ist angesichts der Geschmacksexplosion vollkommen egal.

Nachdem ich mich bei meinem Proviantkauf im Supermarkt direkt an der Haltestelle der 101 bezüglich des vermeintlichen Mineralwassers offensichtlich vergriffen habe (kotz!), betrete ich das lokale EKZ und stolpere, mehr oder weniger zufällig, in die Dependance eines russischen Mobilfunkanbieters. Das Personal weiß zwar optisch, keineswegs jedoch fremdsprachlich zu überzeugen. Dennoch gelingt es den beiden Beauties, mir eine Schutzhülle fürs Iphone zu verticken. Zehn Tacken, echtes Leder. Fairer Preis. Längst überfällig und unbestreitbar notwendig. Guter Deal!

Kronstadt, Zentrum,
Kronstadt, Zentrum

Nun aber nichts wie ab ans Meer. Asseltime! Kronstadt aka Kronshtadt liegt auf einer Insel, der Insel Kotlin (w). Wenn ich also schnurstracks in eine Richtung gehe, werde ich früher oder später auf die Ostsee treffen. Mein Plan geht jedoch leider nicht auf. Es gelingt mir einfach nicht, den Bebauungsring zu durchbrechen. Die Armeestadt ist umgeben von Festungsmauern und nicht zugänglichen für welche Zwecke auch immer genutzen, teils brachliegenden Flächen. Auf diese Weise lege ich etliche Kilometer auf Schusters Rappen zurück und latsche quasi einmal rund um das Zentrum herum. Vorteil der Latscherei: ich lerne Kronstadt richtig kennen. Die Stadt erinnert mich übrigens vom Aufbau her total an Terezin.


Völlig überflüssigerweise fängt es mal wieder an zu regnen. So ein Mist! Ich hasse Mist!

Für die Kleinen: Kinder-Bibliothek in Kronstadt / Kronshtadt
Für die Kleinen: Kinder-Bibliothek in Kronstadt / Kronshtadt
Kronshtadt: überall Kasernen
Kronshtadt: überall Kasernen

Nach einer halben Stunde hört der Regen dann genauso plötzlich, wie er angefangen hat, wieder auf. Glück gehabt. Was ich nun brauche, ist nach wie vor einen Platz am Meer. Von der Basilika und dem ewigen Feuer aus kann ich endlich die Ostsee sehen.

Mit Blick auf den Marinehafen setze ich mich auf einen blechernen Poller. Zur Isolierung meines kälteempfindlichen Hinterteils führe ich verschiedene vorausschauend eingesackte Prospekte aus dem zuvor besuchten Supermarkt mit. Einer gepflegten und hochgradig stylishen Asselei steht nun nichts mehr im Wege. Zwei Stunden lang schlage ich Wurzeln und genieße die wunderschöne Atmosphäre.

Kaum ist die Sonne untergegangen, wird es spürbar kälter. Zeit, zu gehen. Schweren Herzens packe ich meine Sachen ein und latsche los. Ich inspiziere die Haltestelle des Tragflächenbootes, dass gerade angekommen ist. Es gibt eine regelmäßige Verbindung nach Sankt Petersburg. Der freundliche Kapitän informiert mich darüber, dass das nächste Schiff morgen um 9:30 Uhr abfahren wird. Schade, ich wäre zur Abwechslung gern auf dem Seeweg zurückgefahren. Was soll's.

Durch einen Park schlendere ich zu einer ehemaligen Gostinitza, die sich nun Taverne nennt und gut besucht ist.

Ich habe total Bock auf Pelmeni (w) und gehe hinein. Das gönne ich mir jetzt einfach mal. Was soll ich sagen? Lecker, lecker! Die Portion ist großzügig, die Bedienung freundlich. Obwohl ich ziemlich wenig checke und letzten Endes froh darüber sein kann, das zu bekommen, was ich mir wünsche. Preislich ist das Festmahl übrigens auch vollkommen okay.

Kronstädter Taverne mit Velkopopicke Kozel im Ausschank (unter Lizenz in Russland gebraut)
Kronstädter Taverne mit empfehlenswerter Küche

Aufgewärmt und gut gestärkt genieße ich das letzte Tageslicht und spaziere zurück ins Zentrum Kronshtadts.


Unter anderem spaziere ich am Kronstädter Pegel (w) vorbei, halte das Ding aber für unwichtigen, neuzeitlichen Kitsch. Hm, da haben die Stadtväter die Sehenswürdigkeit eindeutig zu gut renoviert. Ich verzichte auf ein Foto und finde erst später heraus, was für ein bedeutendes Teil ich ahnungslos ignoriert habe.
Dumm gelaufen. Der Kronstädter Pegel ist keineswegs Kitsch. Ganz im Gegenteil, der Kronstädter Pegel ist die Referenzt für das Höhensystem von Russland sowie des ehemaligen Ostblocks. Chapeau. Und Asche über mein Nichtschecker-Haupt.

Kronstadt: Dock Petrowski
Kronstadt: Dock Petrowski

Eine Marshrutka begegnet mir. Ich halte diese an und werfe einfach mal ein "Piter?" in den Kleinbus. Die Antwort lautet "Da!", also steige ich ein. Der Fahrer kassiert 60,- Rubel und brettert los. Die Fahrt endet an einer Metrostation und dauert nur eine halbe Stunde. Sauber! Nach dem obligatorischen Umsteigevorgang an der Station Spasskaya erblicke ich in der Nähe der Eremitage, an der Haltestelle Admiralteskaya, die Erdoberfläche. Inwzischen ist es stockdunkel, deshalb verbietet es sich an dieser Stelle, vom Tageslicht zu sprechen. Ein kurzer Spaziergang am Newaufer und schon bin ich wieder zurück im Hotel Newsky Breeze in der Galernaya Ulica. Noch schön duschen und ab ins Dreamland. Morgen wartet der ätzende Ritt zurück nach Tallinn auf mich, auf den ich voll keinen Bock habe.

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