Mal kurz an den Ladogasee, Oktober 2012
Tallinn - Narva - St. Petersburg - Schlüsselburg - Kronstadt - Tallin
Tag1 - Tag2 - Tag3 - Tag4

Tag4:

Ein letztes Mal plündere ich das Frühstücksbüffet. Meine Sachen sind rasch gepackt und so mache ich mich gegen 11h auf den Weg zum Baltischen Bahnhof. Irgendwie erfüllt mich der Gedanke, St. Petersburg zu verlassen, mit Wehmut. Die Stadt hat mich begeistert und gehört fortan zu meinen Lieblingen. Sicher werde ich eines Tages wiederkehren. Dann jedoch in Begleitung meiner besseren Hälfte und zu einer anderen Jahreszeit. Irgendwann zwischen Ende Mai und Anfang September. Bevorzugt während der berühmten "Weißen Nächte" von Sankt Petersburg. Die Weißen Nächte (w) müssen der Hammer, der Hammer schlechthin sein. Weg von der Träumerei, zurück ins hier und jetzt. Am Baltischen Bahnhof habe ich noch eine Stunde Zeit, ehe der Simple Express gen Tallinn abfährt.

Baltischer Bahnhof, St. Petersburg
Baltischer Bahnhof, St. Petersburg

Ich versorge mich mit Fressalien und Mineralwasser, haue die letzten Rubel auf den Kopf und gönne mir eine letzte Portion Pelmeni mit Smetana (Schmand) im Bahnhofsrestaurant. Fünf Minuten vor der Abfahrt, die heute um 12:45h stattfindet, zeige ich dem Busfahrer mein Ticket und nehme Platz. Neben mir sitzt ein russischer Teenie mit estnischem Pass. Somit bin ich wider Erwarten ich nicht der einzige EU-Bürger an Bord.

Abfahrbereiter Scania aus dem Stall von Simple Express am Baltischen Bahnhof, St. Petersburg
Abfahrbereiter Scania aus dem Stall von Simple Express am Baltischen Bahnhof, St. Petersburg

Die über sieben Stunden dauernde Fahrt von Sankt Petersburg nach Tallinn kostet mich übrigens läppische drei Euro. Wenn das mal kein fairer Preis ist. Tja, bei Simple Express gilt die abgedroschene Weisheit, nach welcher der frühe Vogel den Wurm aka Schnapp-Zu-Preis fängt, durchaus.
Auf der Europastraße gen Westen scheint irgendetwas nicht in Ordnung zu sein, denn der Busfahrer biegt sofort nach Verlassen der Stadtgrenze auf eine schmale sich in einem lausigen Zustand befindende Straße ab. Auf diese Weise verlängert sich die sich schon jetzt ewig hinziehende Busfahrt um weitere Minuten. Egal. Ehrlich gesagt freue ich mich sogar über diese überraschende Routenänderung. Ich betrachte das ganze als Sightseeingtour und erhasche Einblicke ins Landleben Russlands. Egal, wie klein die durchfahrenden Ortschaften teilweise auch sind, eines haben sie alle gemeinsam: 24h geöffnete Alk-Shops namens Produkty und die dazugehörenden Hardcore-Eulen. Sehe etliche Leute die Straße entlang torkeln. Kurz vor Kingisepp, wo ich gern ein-zwei Stunden verbringen würde, werde ich Zeuge eines derben Hinfallers. Eine Eule ledert sich volle Granate ab und hat dabei das Pech, in einer unglaublich tiefen Schlaglochpfütze (ähnlich wie ich vor inzwischen zehn Jahren in good old Kolobrzeg) zu versinken. Ertrunken ist der Typ nicht, er wird sich aber sicher eine Erkältung auf dem Weg in seine Bude eingefangen haben, bei den Temperaturen. Ein Vollbad im Freien und in voller Montur kommt Mitte Oktober in Kingisepp nicht so gut, soviel ist mal sicher.

Nach über 2 Stunden Fahrzeit für nicht mal 140 km trudelt der Bus mit mir an Bord in Ivangorod ein. Ach ja, Ivangorod: ein wirklich schönes Grenzkaff! Vor dem Grenzübergang nach Estland hat sich eine furchteinflößende Schlange gebildet. Der gelbe Bus braust einfach an den wartenden PKW vorbei und stellt sich rotzfrech in die Pole Position. Wie ist das möglich? Nun, man kann gegen Entrichtung eines geringen Entgelts seinen Grenzübertritt im Voraus anmelden und sich dadurch die elende Warterei ersparen. Das Busunternehmen scheint folglich alle seine Passagen im Voraus angemeldet und bezahlt zu haben. Sehr zu meiner Freude. Nun beginnt sie wieder, die Prozedur. Am ersten Schlagbaum steigt eine junge Beamtin in den Bus und schaut sich alle Reisedokumente flüchtig an. Dann verlässt sie das Gefährt und sorgt dafür dass die Schranke nach oben geht. Der Bus fährt bis zur Baracke und lässt alle Insassen aussteigen. Jeder greift sich sein vollständiges Gepäck und stellt sich in die Reihe der Ausreisewilligen. Eine grimmige Grenzbeamtin blättert missmutig meinen Reisepass durch, sackt den zweiten Abschnitt der Migrationskarte sowie den Nachweis über die Registrierung bei den Sankt Petersburger Behörden ein und wirft einen kurzen Blick in die Hüpferlitasche.

Offensichtlich gibt es nichts zu beanstanden, und das ist auch gut so. Alle Mitreisenden haben die Kontrolle gut überstanden und nehmen wieder Platz im Bus. Der Bus fährt 50 m. Dann hält er wieder. Und zwar direkt vor dem Dutyfreeshop. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis alle ihre Einkäufe erledigt haben. Die Preise sind übrigens höher als in Russland. Jedenfalls für Alkoholika und Zigaretten. Am estnischen Grenzkabuff steigt ein junger Beamte ein und sammelt nach kurzer Gesichtskontrolle die Ausweispapiere ein. Anschließend heißt es wieder für alle: aussteigen. In einer Wellblechbude wird das Gepäck oberflächlich inspiziert. Zurück im Bus wreden die Pässe ausgeteilt und schwupps, schon setzt sich der Bus in Bewegung und ich bin zurück in der EU. Am Busbahnhof von Narva steigen ein paar Leute aus und andere ein und gegen 18:30h erreicht der Simple Express den Talliner Bussijaam.

Mit der Straßenbahn (Linie2) fahre ich wieder zur Haltestelle Linnahall und latsche die wenigen hundert Meter zur Herberge meines Vertrauens, dem PK Domina Ilmarine ****. Das DZ zur Einzelnutzung weiß auf Anhieb zu begeistern. Groß, sauber, ansprechend möbliert und mit bestens funktionierendem Wifi ausgestattet. Der TV hat deutsche Sender parat und das Bad ist edel. Alles super! Es besteht akute Versackgefahr!

Ich besiege das Verlangen, einfach in der Horizontalen TV zu glotzen und starte den Altstadtspaziergang. Das Ziel: der Friedensplatz, an dem ich schon so oft geasselt habe.



Friedensplatz im Tageslicht, aufgenommen bei meinem letzten Besuch im August 2012

Friedensplatz im Dämmerlicht, aufgenommen im März 2010


Leider fängt es mal wieder an zu regnen und zu allem Überfluss hat der Rimi-Supermarkt meine Lieblingsvariante litauischen Räucherfischs aus dem Sortiment genommen. Lasse mir den abendlichen Stadtspaziergang dennoch nicht vermiesen und geniße das Flair Tallinns.






Gleiches Motiv, aufgenommen im Tageslicht (August 2012)

Zurück im Hotel schaue ich mir Schwachsinn im TV an und reise anschließend hundemüde ins Dreamland.

Tag5:

Das Frühstücksbuffet ist okay. Gestärkt nehme ich die Straßenbahn, steige am Viru-Hochhaus um in den Bus und erreiche eine halbe Stunde vor Gateschluss den Tallinner Flughafen. Alles verläuft nach Plan und so stehe ich Samstagmittag vor dem nahezu unbeschädigten Benz im Wohngebiet beim Bremer Flughafen. Den Stern haben die millitanten Anwohner dran gelassen. Einen weiteren fetten Kratzer entlang der Beifahrertür konnten sie sich nicht verkneifen. Diese miesen Arschlöcher!

In Hannover knacke ich eine Runde und freue mich dann darüber, wieder zuhause zu sein. Fazit: ein rundum gelungener Trip!