Irrer April-Trip, 2017
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Es gibt Angebote, die ich alleine des Preises wegen kaum abzulehnen vermag. Ebenso gibt es Trip-Konstellationen, die einfach unwiederbringbar sind. Eine Kombination aus beidem führt unweigerlich zum Zucken meines berühmt-berüchtigten Buchungsfingers. Der Aufnahme Chisinaus ins Portfolio der Direktflug-Destinationen Wizzairs ab Schönefeld wegen ist es im April soweit, dass ich Moldwawien einen erneuten Besuch abstatten kann und für den Anschluss ein meines Erachtens Top-Trip-Programm auf die Beine gestellt bekomme. Doch stop, Moment mal. Alles mit seiner Zeit. Und so beginnt dieser TR mit der frühmorgendlichen Sonntagsanreise nach Berlin-Schönefeld, dem Flughafen mit den derzeit besten Verbindungen überhaupt für meinen Geschmack. Und zack, schon geht´s los.

Tag 1:

Ab nach Schönefeld. Die Bahn bringt mich pünktlich hin und das ist auch gut so, denn ein einigermaßen vernünftiger wie nervenberuhigender zeitlicher Puffer ließ sich der seltsam miesen Bahnverbindungen in den Südosten Berlins leider nicht bewerkstelligen.

Im ICE nach Berlin
Im ICE nach Berlin

Alles verläuft nach Plan und so besteige ich wieder einmal als letzter Passagier den Wizzair-Jet nach Chisinau.

Angesichts der offensichtlich hohen Auslastung schwindet die Hoffnung auf eine Dreierrehihe zur komfortablen Einzelnutzung
Angesichts der offensichtlich hohen Auslastung schwindet die Hoffnung auf eine Dreierrehihe zur komfortablen Einzelnutzung

Beim Betreten des Jets gibt es, jedenfalls im vom Hinterzusteig aus überblickbaren Innenraum, genau eine bislang komplett freie Bank, die wenige Sekunden später meinerseits in voller Breite besetzt wird.

So liebe ich es...
Wow, da hätte ich nicht mit gerechnet...

Ich ergattere die einzige Dreierreihe zur Einzelnutzung, das nenne ich mal Glück. Rasch breite ich mich aus. Gleich nach dem Erlöschen des Anschnallzeichens lege ich mich in gewohnter Manier hin und verpenne den fast zweistündigen Flug gekonnt. Beim Blick aus dem Fenster verpasse ich rein gar nichts, da die dichte Wolkendecke vom Start bis zur Landung stetiger Begleiter des Wizzair-Fliegers ist. Anbei eine grobe Darstellung der Flugroute.

 

In Chisinau gelandet gilt es als erstes, Bargeld in Landeswährung zu organisieren. Aufgrund mieser mit Geldautomaten und Wechselstuben an Flughäfen und Fernbahnhöfen gesammelten Erfahrungen tausche ich zunächst lediglich zehn Euro bei einer Bude im Ankunftsbereich (im Zentrum Chisinaus, das finde ich später heraus, befinden sich an jeder Ecke Wechselstuben mit fairen Kursen). Anschließend frage ich die vergnarzte Dame gleich mal nach der Haltestelle der Marshrutkas ins Zentrum der etwa 17 Kilometer entfernten Hauptstadt Moldawiens. Sie kann keinerlei Fremdsprache außer russisch. Trotzdem checkt sie, was ich will und schreibt eine Nummer auf einen Zettel (die der Marshrutka und nicht die ihres Telefons, versteht sich) und weist mir mit der Hand die Richtung. Aus dem Terminal raus und rechts. Sieh an, in der Ecke des Parkplatzes rechts neben dem Terminal steht dann auch tatsächlich ein mit eben jener zuvor auf dem Zettel notierten Nummer versehener Kleinbus und wirft gerade seinen Motor an. Ich steige ein, werfe auf Verdacht einen kleinen Schein neben den Fahrer, bekomme etwas zurück und setze mich auf den letzten freien Platz. Schon geht der Ritt los, der umgerechnet übrigens weniger als 0,2 € kostet. Da verzichte ich doch gern auf die Dienste der Taxifahrermeute, die mich sofort nach meinem Erscheinen im Terminal umringte. Kurz noch etwas zur Einreise: es gab einen Stempel im Reisepass, auf den ich ausnahmsweise mal gern verzichtet hätte. Mehr dazu später, genauer gesagt beim morgigen Tagesbericht.

An Bord der Marshrutka vom Flughafen ins Zentrum von Chisinau
An Bord der Marshrutka vom Flughafen ins Zentrum von Chisinau

Die Fahrt zieht sich hin, da der Bus auf die Handzeichen der am Straßenrand nahezu flächendeckend verteilt herumstehenden Leute hin mitunter übrigens sehr abrupt stoppt und auch alle Nase lang Insassen ausspuckt. Das läuft hier ähnlich wie mit den Dolmussen in der Türkei und hat den Vorteil, überall rein- und rausgelassen werden zu können wo es von der allgemeinen Verkehrssituation her einigermaßen zu passen scheint. Der Nachteil ist, dass die Fahrten dadurch ziemlich lange dauern können. Mir ist es egal, denn ich bin unerwartet gut in der Zeit. Während der Fahrt drücke ich meine Nase an der beschlagenen Fensterscheibe platt und betrachte die Strecke, die Buzz und ich einst schon mit dem Rad befahren haben. Alles ist bunter und wuseliger geworden. Es gibt um ein Vielfaches mehr Geschäfte, Lokale und Kioske. Und irgendwie auch mehr Menschen auf der Straße, obwohl wir damals im Hochsommer vor Ort waren. Und definitiv mehr PKW. Damals erreichten wir Chisinau wie gesagt mit dem Rad, aus Iasi kommend. Bei der Gelegenheit gleich mal zwei nun auch schon wieder fast zwölf Jahre alte Fotos.

Tomasz mit schwerbepacktem Rad auf dem Weg nach Chisinau
Chisinau ist erreicht

Eines der wenigen Wahrzeichen der Stadt ist das treppenartig gebaute und eine Art Tor bildende Doppel-Hochhaus, durchbrochen von der mehrspurigen Hauptstraße, welches den von Osten her kommenden Besucher Chisinaus an der Stadtgrenze begrüßt. Kann man sich von der Beschreibung her schwer vorstellen, deshalb hier ein fremdes Foto (pic). Außerdem gibt es inzwischen große, beliebige Einkaufszentren, die den angestammten Einzelhändlern die Existenz schwermachen und der Innenstadt das Leben entziehen. In der Innenstadt nämlich ist wesentlich weniger los als vormals. In über zehn Jahren hat sich eine Menge getan, klarer Fall. Ganz besonders in einer sich derart im Umbruch befindlichen Stadt wie Chisinau.

Dem einen oder andern wird "Chisinau" rein gar nichts sagen. Wikipedia schreibt auf seinem Artikel zur moldawischen Hauptstadt (w) unter anderem: "Chisinau, deutsch Kischinau oder veraltet Kischenau/Kischinew ist die Hauptstadt Moldawiens. Die Stadt ist mit mehr als 700.000 Einwohnern auch die bevölkerungsreichste Stadt des Landes. Sie ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort, Universitätsstadt und Kulturzentrum. Chisinau hat eine Fläche von 120 km². Zusammen mit ihrem Umkreis bildet sie das Munizipium Chisinau, das 563,3 km² groß ist und über 800.000 Menschen beheimatet." Der oben verlinkte Artikel bietet dem geneigten Besucher dieser Seite und Leser dieses TRs allerlei weiterführende Informationen, die ich mir ruhig mal reinpfeifen würde. Das gilt generell für die Links auf diesen Seiten; klar denn sonst hätte ich diese kaum gesetzt.

In der Nähe des Hotel Cosmos lasse ich mich absetzen und staune nicht schlecht darüber, dass ich dieses Ensemble aus Ex-Kommu-Hotel samt Brunnen vor der Tür mit der damaligen Bleibe von Buzz und mir verwechseln konnte.

Hotel Cosmos (nicht zu verwechseln mit dem Hotel National)samt dem Vorzeige-Kommunisten und Armee-Befehlshaber namens Grigori Iwanowitsch Kotowski gewidmeten Reiterdenkmal, Chisinau
Hotel Cosmos (nicht zu verwechseln mit dem Hotel National) samt dem Vorzeige-Kommunisten und Armee-Befehlshaber namens Grigori Iwanowitsch Kotowski (w) gewidmeten Reiterdenkmal, Chisinau

Zunächst hatte ich mich nämlich im Hotel Cosmos einquartiert, sozusagen nostalgisch-verklärt und der Vergangenheit emotional verpflichtet. Kurz vor Reisebeginn jedoch stornierte ich die recht lausige Bude und reservierte mein DZ zur Einzelnutzung im sehr gut bewerteten und nur wenige Euro teureren Gerner-Hotel das auf den Namen "City Park" hört und bestens gelegen ist. Dazu später mehr. Vom Hotel Cosmos ist es nicht weit zum Hotel National und so latsche ich voller Vorfreude aufs Wiedersehen mit dem Betonkoloss, in dem Buzz viele Nächte, zum Teil freiwillig aber auch notgedrungen (wer diese Seite schon längere Zeit verfolgt erinnert sich bestimmt noch an den bewusstseinsverändernden Unfall auf der Fahrt von Tiraspol zurück nach Chisinau) verbracht haben.

Solche Stilblüten des Kommunismus bzw. Sozialismus (wie auch immer, für mich jedenfalls wunderschöne Wahrzeichen Osteuropas) begeistern mich stets aufs Neue
Solche Stilblüten des Kommunismus bzw. Sozialismus (wie auch immer, für mich jedenfalls wunderschöne Wahrzeichen Osteuropas) begeistern mich stets aufs Neue

Wenige Schritte später wird mir klar, dass das Hotel Cosmos und das (ehemalige) Hotel National zwei völlig verschiedene Gebäude sind. Plötzlich ist die Erinnerung da, ich erkenne die Bauten rund um den "Platz der nationalen Einheit" wieder.

Wohlbekanntes Ensemble gegenüber des ehemaligen Vorzeigehotels der Stadt Chisinau, dem Hotel National
Wohlbekanntes Ensemble gegenüber des ehemaligen Vorzeigehotels der Stadt Chisinau, dem Hotel National
Da ist es, das ehemalige Vorzeigehotel der Stadt Chisinau, das altehrwürdige Hotel National
Da ist es, das ehemalige Vorzeigehotel der Stadt Chisinau, das altehrwürdige Hotel National

Ich stehe vor den Resten des Beton-Monsters, dass einst das stolze Hotel National dargestellt hat. Ich halte kurz inne, lasse meine Gedanken kreisen freue mich über die unweigerlich aufpoppenden Erinnerungen an die damaligen hier erlebten Anekdoten, die das volle Gefühlsspektrum bedienten. Unvergessen z.B. das Vorglühen auf dem Balkon im zehnten Stock vor dem Discobesuch (Disco-LP Moldawien), die nicht bestellte Nuttenlieferung bis ran an die Türschwelle und die sorgenerfüllten Tage direkt nach dem Unfall inklusive Arzt-, Krankenhaus und Botschaftsbesuchen unsererseits. All das ist viele Jahre her und dennoch sofort wieder präsent. Manche Dinge vergisst man sein Leben lang nicht mehr, diese Ereignisse gehören dazu. Und das ist auch gut so. Dazu ein paar Fotos aus der Zeit, in der das Hotel National noch Gäste beherbergte.

Blick vom Balkon aufs gegenüberliegende Hotel Chisinau Blick auf die Hauptstraße, die zum Flughafen und weiter nach Tiraspol führt Blick vom Hotel National aus nach Norden
Blick vom Balkon aufs gegenüberliegende Hotel Chisinau
Blick auf die Hauptstraße, die zum Flughafen und weiter nach Tiraspol führt
Blick vom Hotel National aus nach Norden

Der nachfolgende, tagesaktuelle Anblick bringt mich kurz aus der Fassung.

Hotel National bzw. das, was im Frühjahr 2017 noch vom ehemaligen Vorzeigehotel übrig ist, Chisinau
Hotel National bzw. das, was im Frühjahr 2017 noch vom ehemaligen Vorzeigehotel übrig ist, Chisinau

Die Atmosphäre hier ist extrem; extrem fesselnd. In Chisinau finden sich übrigens an mehreren Stellen bestaunenswerte Relikte kommunistisch-sowjetischer Vergangenheit. Hier (absolute Lese-Empfehlung!) findest Du eine tolle auf Chisinau fokussierte Seite zum streitbaren Geschmack, den ich mir durchaus mit anderen Zeitgenossen zu teilen scheine. Ich hätte diese inspirierende Seite gern vor meinem Besuch und nicht erst während des Verfassens dieser Zeilen aus den Weiten des Internets gefischt, das ist klar. Mist. Und jeder weiß, was ich von Mist halte. Ich hasse Mist.

Reste der einst eindruckschindenden Brunnenanlage vor dem übrigens Anfang der 70er Jahre erbauten Hotel National in Chisinau
Reste der einst eindruckschindenden Brunnenanlage vor dem übrigens Anfang der 70er Jahre erbauten Hotel National in Chisinau

Längst habe ich entschieden, den restlichen Weg bis zum Hotel meiner Wahl zu Fuß zu gehen und stelle fest, dass sich baulich nicht viel verändert hat, dafür aber der ehemaligen Einkaufsmeile merklich Leben entzogen wurde. Kaufkraft und Nachfrage ist halt, schon gar nicht in Chisinau, beliebig ins Unermessliche steigerbar. Moldawien hat ohnehin den Ruf, das Armenhaus Europas zu sein. In Chisinau, dies mag auf dem platten Land gewiss anders ausschauen, ist davon jedoch jedenfalls im Zentrum nichts zu sehen.

Im Schaufenster einer Buchhandlung ist deutlich erkennbar, dass die (Wieder-) Vereinigung zwischen Rumänien und der Republik Moldau aka Bessarabiens in den Köpfen vieler Einheimischer bereits beschlossene Sache zu sein scheint. Da waren die Befürchtungen der russischsprachigen Bevölkerung damals wohl begründet, die letzten Endes maßgeblich zur Abspaltung des östlichen Landesteils und der Proklamierung eines unabhängigen Staats namens Transnistrien führten.

Hier sieht man mal deutlich, wie die Moldauer nicht-russicher Prägung (und die Rumänen) Moldawien sehen bzw. weshalb es 1992 zum Bürgerkrieg kam bei dem sich Transnistrien aus für mich nachvollziehbaren Gründen abspaltete
Hier sieht man mal deutlich, wie die Moldauer nicht-russischer Prägung (und die Rumänen) Moldawien sehen bzw. weshalb es (u.a.) 1992 zum Bürgerkrieg kam bei dem sich Transnistrien abspalteteChisinau, Zentrum
Chisinau, Zentrum
Chisinau, Zentrum
Chisinau, Zentrum
Chisinau, Zentrum
Chisinau, Zentrum

Nach einer knappen halben Stunde (seit dem Abmarsch vorm ehemaligen Hotel National) erreiche ich den Triumphbogen und das auf der gegenüberliegenden Prachtstraßenseite liegende moldauische Parlament. Wikipedia weiß zum Triumphbogen u.a. folgendes zu berichten (w):

"Der Triumphbogen in Chisinau, eigentlich Heiliger Bogen, ist ein Denkmal im Bezirk Buiucani, dem historischen Zentrum der moldawischen Hauptstadt. Erbaut wurde der Triumphbogen im Jahr 1840 anlässlich des russischen Sieges im Russisch-Türkischen Krieg von 1828/1829. In Moskau war aus diesem Anlass bereits 1836 ein Triumphbogen errichtet worden. Im Triumphbogen befindet sich eine Glocke mit einem Gewicht von 6,4 Tonnen, die aus erbeuteten türkischen Kanonen gegossen wurde. Das Bauwerk hat eine Gesamthöhe von 13 Metern.
In der sowjetischen Zeit wurden Marmorplatten mit Texten in russischer und moldauischer Sprache angebracht: der Beschluss des Hohen Oberbefehlshabers der Roten Armee zur Befreiung von Chisinau aus der deutsch-rumänischen Besatzung, Erlässe des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR zur Schaffung der Moldauischen SSR, die Namen von Trägern des Titels Held der Sowjetunion, die sich in Kämpfen des Zweiten Weltkriegs auf moldawischem Gebiet Verdienste erworben haben, sowie die Namen der in Moldawien geborenen Helden der Sowjetunion. Im Jahr 1973 wurde der Triumphbogen repariert."

Chisinau, Triumphbogen
Chisinau, Triumphbogen
Chisinau, Gebäude der Nationalversammlung
Chisinau, Gebäude der Nationalversammlung

Das erste Ziel innerhalb Chisinaus ist somit erreicht, denn direkt beim Triumphbogen befindet sich das den größten Liebreiz versprühende Gebäude, die Kathedrale der Geburt des Herrn samt freistehendem Glockenturm. 1838 wurde das Gotteshaus eingeweiht, 1941 wurde es Opfer der mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Bombardierungen und anschließend wieder restauriert. Seit 1950 zeigt sich das Gebäude in etwa so wie jetzt auch. Heute besuche ich es erstmals auch von innen. Damals im Hochsommer war ich stets in kurzen, unangemessenen Klamotten vor Ort, deshalb musste dieser Besuch auf heute verschoben werden. Hätte ich damals sicher nicht für möglich gehalten, eines Tages nochmal hierher zu kommen aber zack, so kann es gehen, nun bin ich da.

Kathedrale der Geburt des Herrn samt freistehendem Glockenturm
Kathedrale der Geburt des Herrn samt freistehendem Glockenturm
Kathedrale der Geburt des Herrn samt freistehendem Glockenturm
Kathedrale der Geburt des Herrn samt freistehendem Glockenturm

Kathedrale der Geburt des Herrn (w)

Nur hundert Meter von der Kathedrale entfernt wurde vor kurzer Zeit eine Gammel- in eine Fußgängerzone mit relativ edlen Lokalen, Restaurants und einem Hotel umgewandelt. Das Hotel ist das von mir gebuchte, welches auf den Namen City Park hört und schon auf den ersten Blick eine angenehme, vielversprechende Erscheinung darstellt.

Hotel City Park, Chisinau
Hotel City Park, Chisinau

Entgegen der in dieser Gegend weit verbreiteten, nahezu traditionellen wie sprichwörtlichen Unfreundlichkeit bzw. Inexistenz von Serviceorientierung jeglichen Dienstleistungspersonals sind der Sicherheitsmann und die junge Dame an der Rezeption doppelt positiv hervorzuheben und explizit zu nennen. Der Check in verläuft sehr angenehm und ich fühle mich auf Anhieb wohl. Ist wie gesagt noch immer kein Standard hierzulande. Getoppt wird das abschreckende "Ist mir-alles-scheiß-egal-verpiss-dich-und geh´-mir-nicht-auf-die-Nerven"-Verhalten von Servicemitarbeitern in privaten Unternehmen übrigens durch das mitunter als ultimative und 100%ig zu bezeichnende Desinteresse in Kombination mit vollendeter Gleichgültigkeit in Perfektion, das sich weitverbreitet bei behördlichen Einrichtungen genießen lässt. Der simple Versuch eines Bahnfahrkartenerwerbs in Ländern wie zum Beispiel der Ukraine (selbst erlebt in Lviv und Odessa) kann mitunter einen euphemistisch formuliert überraschten Gesichtsausdruck aufs Antlitz eines gemeinen, westeuropäischen Servicelevel gewohnten Frischlings zaubern, soviel ist sicher. Hier gehen die Uhren jedoch bereits anders und so öffne ich nach dem derart positiven wie wichtigen ersten Eindruck erwartungsfroh die Tür zu meiner Bude. Und werde nicht enttäuscht.

Auf Anhieb gefallende Bude im Hotel City Park, Chisinau
Auf Anhieb gefallende Bude im Hotel City Park, Chisinau

Sie gefällt auf Anhieb. Alles da, was ich brauche. Dazu alles sauber und ansprechend. Das Bett ein Traum. Super, da habe ich mal wieder einen Glücksgriff gelandet. Auch das Bad weiß zu gefallen.

Auch das Bad ist voll i.O. in meiner Bude des Hotels City Park in Chisinau
Auch das Bad ist voll i.O. in meiner Bude des Hotels City Park in Chisinau

Die Zeit eilt davon und zu dieser Jahreszeit wird es zudem immer wieder aufs Neue erschreckend schnell dunkel also optimiere ich den Inhalt der Neuen Hüpferlitasche und ziehe rasch wieder los. Ich brauche als erstes einen Supermarkt und dann einen einigermaßen annehmbaren Asselplatz zum stilvollen Tagesausklang. Supermärkte gibt es in Chisinau viele, mit der Auswahl an Asselplätzen sieht es nicht ganz so rosig aus. Auf dem von der netten wie zuvorkommenden Rezeptionistin bekommenen Stadtplan entdecke ich ein Naherholungsgebiet mit kleinem See mitten drin. Valea Morilur nennt sich das Areal. Nichts wie hin, gemäß offline nutzbarer Navi-App liegt es passenderweise nur 1,7km Luftlinie von meiner gegenwärtigen Position entfernt.

Einkaufszentrum "Sun City", in dem sich ein gut sortierter Supermarkt befindet in dem ich meinen Proviant für den tagesausklang erwerbe
Einkaufszentrum "Sun City", in dem sich ein gut sortierter Supermarkt befindet in dem ich meinen Proviant für den Tagesausklang erwerbe
Krasser Regalfund: eine 2L-Plaste-Pulle Herrenhäuser (wird meines Wissens unter Lizenz in Moldawien hergestellt) ist mir bislang nirgends untergekommen
Krasser Regalfund: eine 2L-Plaste-Pulle Herrenhäuser Pilsener (wird meines Wissens unter Lizenz in Moldawien hergestellt) ist mir bislang nirgends untergekommen

Den eine Weile lang ungläubigst bestaunten Herri-Humpen lasse ich natürlich liegen und greife mir stattdessen ein paar Chisinau-Biere aus dem Kühlschrank. Dazu Wasser, Obst, bischen mit Kohl gefüllte Teigtaschen und Nüsse, mehr braucht es nicht für einen schönen Abend. Das Bier jedoch hätte ich nicht aus dem Kühlschrank sondern einfach aus dem Regal nehmen sollen denn bei mittlerweile auf nur noch knapp 3°C gepurzelten Temperaturen (so die Leucht-Anzeige eines Finanzinstituts) kühlt sich alles von ganz alleine und wesentlich schneller herunter, als mir lieb ist.

Prachtsraße in Chisinau, die sogenannte "Strada Columna"
Prachtsraße in Chisinau, die sogenannte "Strada Columna"
Nationalpalast, in dem vermutlich Konzerte und dergleichen stattfinden, Chisinau
Nationalpalast, in dem vermutlich Konzerte und dergleichen stattfinden, Chisinau

Rasch erreiche ich das Naherholungsgebiet Valea Morilor und schlendere am Seeufer auf und ab, nach einer vernünftigen Asselbank Ausschau haltend. Die Suche verläuft jedoch erfolglos, da mir zwei maßgebliche Faktoren jede der durchaus vorhandenen Sitzgelegenheitem am Ufer des Teichs madig machen: PSF und eisiger Ostwind.

Teich und See, Valea Morilor
Teich und See, Valea Morilor
Sitzmöglichkeiten gibt es viele am See
Sitzmöglichkeiten gibt es viele am See

Sitzmöglichkeiten gibt es wirklich viele am See, nur leider scheiden sie allesamt aus für mich. Windschutz werde ich am Hang zwischen den Bäumen finden also eile ich dorthin. Im lichten Wald setze ich mich auf einen Baumstumpf und ziehe mir alle mitgeführten Klamotten über. Mein Blick ist gen Westen ausgerichtet und hinter meinem Rücken hält mir die Steigung die eisigen Böen weitestgehend fern. Schräg unter mir liegt der See und gegenüber am Horizont lässt sich der Sonnenuntergang erahnen. PSF gibt es so gut wie keinen und so ist es mal wieder an der Zeit, mir selbst auf die Schulter zu klopfen und ein anerkennendes "Bingo" zuzuraunen.

Blick vom Asselplatz zum See, gen Westen
Blick vom Asselplatz zum See, gen Westen

Es ist völlig klar, dass die Zeit viel zu knapp bemessen ist. Schweren Herzens und durchgefroren zugleich nehme ich Abschied vom Asselplatz, der seinen Zweck erfüllt aber sicher keine Begeisterungsstürme ausgelöst hat und latsche zurück zum Hotel.

Valea Morilor erfreut sich bei den Locals einer Beliebtheit, die derartige Verschönerungen offenbar rechtfertigt
Valea Morilor erfreut sich bei den Locals einer Beliebtheit, die derartige Verschönerungen offenbar rechtfertigt

Zurück im Zimmer stelle ich mich unter die Dusche, und zwar für eine ganze Weile. Anschließend ziehe ich mir Schrott aus den Weiten des Internets rein und lasse mich von widersprüchlichen Informationen bezüglich der Einreise nach Transnistrien und der Weiterreise in die Ukraine verrückt machen, ehe ich endlich hundemüde ins Reich der Träume drifte.

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