Irrer April-Trip, 2017
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Tag 2:

Der Tag beginnt recht früh, der Kürze der Tage zu dieser Jahreszeit wegen habe ich nämlich absolut keine Zeit zu verlieren da es durchaus sein kann, dass ich noch ganz bis Odessa reisen werde. Entscheidet sich in Tiraspol, da ich mir eine gewisse Flexibilität erhalten wollte und auch immer noch will. Der erste Gang führt mich ins Bad, der zweite zum im Übernachtungspreis inkludierten absolut empfehlenswerten Frühstücksbüffet und der dritte zum Busbahnhof von Chisinau.

Kleine Auswahl des im Übernachtungspreis inkludierten und absolut empfehlenswerten Frühstücksbüffets, Hotel City Park, Chisinau
Kleine Auswahl des im Übernachtungspreis inkludierten und absolut empfehlenswerten Frühstücksbüffets, Hotel City Park, Chisinau
Chisinau, leise sage ich der Kathedrale "Adieu"
Chisinau, leise sage ich der Kathedrale "Adieu"
Auf dem Weg zum Busbahnhof passiere ich reges Markttreiben
Auf dem Weg zum Busbahnhof passiere ich reges Markttreiben
Die Marshrutka nach Tiraspol ist schnell gefunden
Die Marshrutka nach Tiraspol ist schnell gefunden

Die Marshrutka nach Tiraspol ist schnell gefunden. Leider befinden sich bislang lediglich zwei Leute im Fahrzeuginneren. Der Fahrer quarzt eine nach der anderen und brüllt jedem Passanten ein inbrünstiges "Tiraspol" an die von all den Zurufen bereits schmerzenden Ohren. Eine Atmosphäre wie auf dem Basar. Ich werde gleich mehrfach angebrüllt, da ich ein wenig unentschlossen ob der wenigen bereits vorhandenen Fahrgäste bin. Bei nur zwei Leuten wird es sicher eine Weile dauern, bis er seinen Sprinter mit Fahrgästen gefüllt bekommen hat und den Ritt startet. Während ich noch überlege brüllt er mich wieder an. Er brüllt, obwohl ich wenige Meter neben ihm stehe. Dazu fällt mir nichts ein außer mit dem Kopf zu nicken und "Tiraspol, da" zu sagen. Er schleift mich zu einem Ticketschalter, ich zahle und bekomme den Fahrschein. Nennen wir den Kassenbeleg mal so. Anschließend stehe ich in ohrenfreundlicher Distanz zum Brüllaffen und sehe zu, wie sich das Vehikel letzten Endes dann doch schneller als befürchtet füllt. Den Platz vorne beim Einstieg, einen Einzelsitz, habe ich natürlich sofort mit der Neuen Hüpferlitasche besetzt.

Einer der vielen Bereiche des Busbahnhofs von Chisinau
Einer der vielen Bereiche des Busbahnhofs von Chisinau

Schließlich geht es tatsächlich los. Liebend gern hätte ich die Bahn gewählt. Diese verkehrt zwar wieder, sogar bis nach Odessa, allerdings lediglich am Wochenende. Zu schade. So nehme ich mal wieder an einer typisch osteuropäischen Marshrutka-Fahrt teil, auf die ich gern verzichten würde.

Des Fahrers musikalischer Geschmack hat nichts mit dem meinen gemeinsam und die Lautstärke, mit der er die blechernen Boxen russische Schrott-Techno-Dance-Kack-Mucke ertönen lässt ist mindestens genau so schädlich für das durchschnittliche Trommefell wie sein vorheriges "Tiraspol!"-Gebrüll. Alle Nase lang steigen Leute ein und wieder aus und so zieht sich der Ritt mal wieder, richtig geraten, in die Länge. Die Seitenscheiben sind mit dunkler Töungsfolie verklebt. Entsprechend froh bin ich froh darüber, wenigstens nach vorn heraus die Strecke beäugen zu können, die Buzz und ich uns einst mit den Rädern entlang gequält haben.

Mit der Marshrutka geht´s in Ermangelung werktags verkehrender Züge nach Tiraspol
Mit der Marshrutka geht´s in Ermangelung werktags verkehrender Züge nach Tiraspol

Im Internet finden sich etliche Schauergeschichten über problematische Vorkommnisse an den Grenzposten Transnistriens und genau davon habe ich mich gestern selbst noch irritieren lassen. Völlig zu Unrecht. Die Transnistrier nennen ihr Land übrigens Pridnestrowien. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, ob ein Land nun "Jenseits des Dnisters" oder "Diesseits des Dnisters" heißt? Oder lediglich eine Frage der Perspektive? Nicht meine Tasse Tee aber Fakt. Wikipedia sagt übrigens u.a. das hier über Transnistrien:

"Transnistrien, in der Eigenbezeichnung Pridnestrowien, ist ein hauptsächlich östlich des Flusses Dnister gelegenes, stabilisiertes De-facto-Regime. Die 1990 proklamierte Republik verblieb bis heute ohne internationale Anerkennung.
Transnistrien ging zwischen 1990 und 1992 im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion durch Sezession von Moldawien hervor. Der Transnistrien-Konflikt ist bis heute ungelöst und gilt inzwischen als „eingefrorener Konflikt“. Transnistrien hatte 2004 rund 555.000 Einwohner. Es ist ein bedeutendes Zentrum der Schwerindustrie und steht unter entscheidendem russischen Einfluss; völkerrechtlich wird die Region weiterhin als Teil Moldawiens betrachtet. Bislang erkennt kein anderer Staat und keine internationale Organisation das Gebiet als souveränen Staat an. Transnistrien ist aber seit 1990 faktisch von der Zentralregierung in Chisinau unabhängig und verfügt unter anderem über eine eigene Regierung, Währung, Verwaltung und Militär. Es ist Gründungsmitglied der Gemeinschaft nicht-anerkannter Staaten. 1200 bis 1400 Soldaten der russischen Streitkräfte sind im Land stationiert. Der vollständige offizielle Name der Region lautet Pridnestrowische Moldauische Republik, kurz PMR (russisch Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika)." Den Artikel (w) dazu kann ich nur empfehlen.

Zurück zur Schilderung des Einreiseprozederes nach Transnistrien aka Pridnestrowien. Moldauische Kontrollen gibt es keine, logisch, schließlich erkennt die Republik Moldau die Souveränität Transnistriens nicht an. Entsprechend gibt es auch keinen Ausreisestempel, obgleich ich de facto das Land verlasse. Könnte sich, sofern ich Moldawien demnächst mal wieder unter Verwendung des gleichen Passes bereisen sollte, zu Problemen bei der Einreise führen. Warum? Weil ich das Land seit gestern quasi nicht verlassen habe, jedenfalls nicht wenn man den Stempeln im Reisedokument sowie den gespeicherten Daten Glauben schenkt. Hätte ich bei der Einreise keinen Stempel erhalten wäre die sozusagen illegale Ausreise ein kleineres Problem. Ach was, ist doch auch Banane jetzt. Ist mir aktuell echt egal. Was soll´s.

Der Sprinter stoppt am gleichen Container, an dem Buzz und ich uns damals unseren handgeschriebenen und gestempelten Talons abholten. Alle Insassen tanzen (natürlich lediglich sprichwörtlich zu verstehen) am Schalter an und legen brav ihre Pässe vor. Transnistrier besitzen übrigens, um überhaupt einigermaßen reisen zu können, entweder den russischen oder den moldauischen Pass. Zusätzlich zum transnistrischen. Der Beamte prüft meinen Reisepass und fragt, ob ich russisch beherrsche. Ich verneine. Englisch? Oh, sorry, nur ganz schlecht, eigentlich spreche und verstehe ich nur deutsch. "Je weniger ich angebe zu verstehen, desto besser." lautet mein sich aus vielen gesammelten Erfahrungen speisendes Motto. Sieh an, er will nur wissen wohin meine Reise geht. Ich sage Odessa und betone die Ortsangabe dooferweise perfekt russisch aber das fällt ihm natürlich nicht auf. Er ist zufrieden, sein Drucker rattert und er gibt mir mein Ausweisdokument mit einem mittig drin steckenden weißen Zettelchen zurück. Transit steht darauf geschrieben, ebenso das Datum und die exakte Uhrzeit meiner Einreise sowie die Zeit, zu der ich das Land Transnistrien wieder verlassen werden haben muss. Dies ist in in zehn Stunden der Fall.

Selbstredend darf ich auch länger bleiben. Dafür muss ich mich jedoch an einer Registrationsstelle melden und meinen Aufenthalt gegen Zahlung einer fairen Verwaltungsgebühr verlängern. Mal sehen, vielleicht bleibe ich über Nacht. Entscheide ich wiegesagt spontan.

Wenig später geht´s auch schon weiter, Der Schreihals lässt ein paar Leute in Bender aussteigen und brettert zum Bahnhof von Tiraspol, wo ich als letzter Fahrgast aussteige und ziemlich trostlose Endzeit-Atmosphäre vorfinde. Der Bahnhof ist verwaist, der Platz davor der den ZOB darstellt ebenso. Hm. Was nun? Bleibe ich über Nacht in der Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika, kurz PMR? Kaum.


Endzeit-Atmosphäre am Bahnhof von Tiraspol

Als erstes will ich verfifizieren, dass es tatsächlich keine werktäglichen Zugverbindungen nach Odessa gibt und finde den Weg in eine Schalterhalle. Ein Schalter hat geöffnet. Hinter der Scheibe sitzt eine mich wenig begeistert wortlos empfangende Beamtin. Ich frage mich, was die da den ganzen Tag lang macht. Sie selbst frage ich unter Zuhilfenahme all meiner rudimentären Russischkenntnisse, ob es einen Zug nach Odessa gibt. Sie malt mir das Datum des folgenden Sonnabends auf einen Zettel. Okay, alles klar, damit ist die Sache verifiziert. Schade, auf eine Zugfahrt nach Odessa hätte ich tierisch Bock gehabt. Ich verabschiede mich höflich wie ich zweifelsohne bin und bekomme natürlich keinerlei Aufmerksamkeit, da die Olsch sich längst wieder ihrem beknackten Smartphone-Spiel zugewendet hat.

Irgendwie zieht es mich schon heute weiter ans Schwarze Meer und so frage ich einen zwischenzeitlich eingetrudelten und neben seinem Vehikel kettenrauchenden Busfahrer, ob er mir Informationen bezüglich einer Weiterreise nach Odessa geben kann. Wortlos deutet er Richtung Bahnhofsgebäude. Häh? Ich sage, dass ich eben da war und der Zug erst Samstag fährt. Sieh an, er kann sprechen und sagt "Kassa". Dabei zeigt er nicht nur allgemein aufs Gebäude sondern auf dessen von hier aus betrachtet linken Teil. Ich schärfe meine Adleraugen und sehe tatsächlich ein zuvor unentdecktes rotes Schild. Ich bedanke mich und stelle fest, dass ich mir auch diese Höflichkeit besser erspart hätte. Interessiert den Kutscher nämlich genau wie zuvor die Bahnangestellte einen Scheiß.

Im linken Teil des Bahnhofsgebäudes verbirgt sich der Ticketschalter für die vom Tiraspoler Busbahnhof abfahrenden Transportmittel
Im linken Teil des Bahnhofsgebäudes verbirgt sich der Ticketschalter für die vom Tiraspoler Busbahnhof abfahrenden Transportmittel

Hinter der Tür ist ein Schalter, der genauso aussieht wie jener der Bahn im rechten Teil des Gebäudes. Hinter der Scheibe sitzt eine sichtlich erschrockene Alte, die mir während meines versuchten Selbststudiums der Abfahrts- und Ankunftstafel bereits nonverbal signalisiert, dass sie keinen Bock auf mich, den vermutlich fremdsprachigen und nichts kapierenden Ausländer hat. Wie ein Kleinkind versucht sie, mich nicht zu sehen. So nach dem Motto "wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich auch nicht". Der Schalter nebenan schließt gerade. Eine junge Frau ist auf dem Weg in die sicher wohlverdiente Mittagspause und hat mich bislang noch gar nicht wahrgenommen. Die frage ich, die spreche ich einfach mal auf englisch an. Gute Wahl, sie versteht mich und was ich will. Um 14h den Dreh fährt der nächste Bus nach Odessa. Es gibt sogar noch ein Ticket. Geil, kaufe ich ich. Weniger als 5,- € sind fällig. Allerdings werden nur Transnistrische Rubel akzeptiert.

In der Mitte des Bahnhofs gibt es eine Wechselbude. 10,- € und den Rest verbliebener Moldauischer Lei tausche ich um, zahle und bekomme den Fahrschein und beschließe, mir in den bis Abfahrt verbleibenden knapp zwei Stunden das Zentrum der 150.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Transnistriens anzusehen und auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln. Als erstes gönne ich mir einen Taxiritt zur Dnisterbrücke. Kostet 1,5 €. Dass der Chauffeur Deutschland laser findet brauche ich kaum zu erwähnen. Finden fast alle hier so. Wie auch immer. Im Zentrum angekommen starte ich meinen Rundgang. Vorab ein paar Fotos von damals.

Tomasz hat mit seinem Rad die Stadtgrenze Tiraspols erreicht
Willkommen in Tiraspol
Das Denkmal mit dem Panzer gab es damals schon

Den Stadtplan habe ich noch immer im Kopf. Ich gehe zum Regierungsgebäude und von dort zur Brücke über den Dnister. Auf der anderen Uferseite befindet sich der sich sommers großer Beliebtheit seitens der Locals erfreuende Badestrand. Vorsicht: die Strömung ist nicht von schlechten Eltern. Weiter geht es vorbei an unserer damaligen Unterkunft, dem Hotel Aist (welches völlig überraschenderweise noch existiert) zum Sheriffsupermarkt und anschließend wieder zurück zum Bahnhof von Tiraspol. Nun die Bilder vom Stadtspaziergang durch Tiraspol.

Tiraspol, da bin ich wieder!
Tiraspol, da bin ich wieder!
Reiterstatue im Herzen Tiraspols
Reiterstatue im Herzen Tiraspols
Aufgehübschte Wohn- und Geschäftsplatte im Herzen Tiraspols (man beachte die Kvint-Reklame auf dem Dach; Kvint ist der wichtigste Spirituosenhersteller Transnistriens; hochprozentiger Alk kostet hierzulande übrigens weniger als Cola, kein Scherz; hat sicher seinen Grund)
Aufgehübschte Wohn- und Geschäftsplatte im Herzen Tiraspols (man beachte die Kvint-Reklame auf dem Dach; Kvint ist der wichtigste Spirituosenhersteller Transnistriens; hochprozentiger Alk kostet hierzulande übrigens weniger als Cola, kein Scherz; hat sicher seinen Grund)Strada Karl Liebknecht, Tiraspol
Strada Karl Liebknecht, Tiraspol
Altbekanntes Panzer-Denkmal anlässlich des Kriegs von März bis August 1992
Altbekanntes Panzer-Denkmal anlässlich des Kriegs von März bis August 1992; Artikel zum Transnistrien-Konflikt (w)
Regierungssitz, Tiraspol
Regierungssitz, Tiraspol
Regierungssitz, Tiraspol im Jahre 2005

Regierungssitz, Tiraspol im Jahre 2005
Mahnmal, Tiraspol (es geht um die Opfer des damaligen Bürgerkriegs)
Mahnmal, Tiraspol (es geht um die Opfer des damaligen Bürgerkriegs)
Mahnmal, Tiraspol (es geht um die Opfer des damaligen Bürgerkriegs)
Mahnmal, Tiraspol (es geht um die Opfer des damaligen Bürgerkriegs)
Strada Karl Liebknecht, Tiraspol
Strada Karl Liebknecht, Tiraspol
Dnisterbrücke, Tiraspol; man kan sich aktuell gerade überhaupt nicht vorstellen, dass im Sommer scharenweise Erholungs- wie Abkühlungssuchende an dieser Stelle über den Fluss flanieren aber dem ist tatsächlich so
Dnisterbrücke, Tiraspol; man kan sich aktuell gerade überhaupt nicht vorstellen, dass im Sommer scharenweise Erholungs- wie Abkühlungssuchende an dieser Stelle über den Fluss flanieren aber dem ist tatsächlich soSommer 2005: trotz miesem Wetters herrscht einigermaßen reges Treiben am Dnisterstrand von Tiraspol
Sommer 2005: trotz miesem Wetters herrscht einigermaßen reges Treiben am Dnisterstrand von Tiraspol
Dnisterbrücke, Tiraspol; Blick gen Osten d.h. flussabwärts
Dnisterbrücke, Tiraspol; Blick gen Osten d.h. flussabwärts
Dnisterbrücke, Tiraspol; Blick gen Westen d.h. flussaufwärts
Dnisterbrücke, Tiraspol; Blick gen Westen d.h. flussaufwärts
Dnisterbrücke, Tiraspol
Dnisterbrücke, Tiraspol
Promenade am Dnister
Promenade am Dnister
Promenade am Dnister samt Brücke, Tiraspol (PMR aka Transnistrien
Promenade am Dnister samt Brücke, Tiraspol (PMR aka Transnistrien

Hotel Aist (welches vollkommen überraschenderweise noch existiert) im Jahre 2017
So sah es damals aus, das Hotel Aist (welches völlig überraschenderweise noch existiert und von uns damals weshalb auch immer als "Hotel Piast" abgespeichert wurde)
So sah es damals aus, das Hotel Aist (welches völlig überraschenderweise noch existiert und von uns damals weshalb auch immer als "Hotel Piast" abgespeichert wurde)
So sehen die Bauten in Tiraspol häufig aus, sowohl vom Zustand als auch von der Gestaltung her
So sehen die Bauten in Tiraspol häufig aus, sowohl vom Zustand als auch von der Gestaltung her
Einer der flächendeckend platzierten Sheriff-Supermärkte, Tiraspol
Einer der flächendeckend platzierten Sheriff-Supermärkte, Tiraspol

Im Sheriff Supermarkt gebe ich das letzte transnistrische Geld aus. Bis auf die für den Taxi-Ritt zurück zum Bahnhof von Tiraspol nötige Kohle, versteht sich. Das Preisniveau ist wie erwartet für meinen Geschmack fair. Natürlich um einiges höher als auf dem Markt aber okay, passt trotzdem und geht sich definitiv bestens aus für mich. Futter brauche ich nachher in Odessa jedenfalls nicht mehr erwerben, das ist mal sicher. Das Unternehmen Sheriff ist in Transnistrien übrigens allgegenwärtig und hochinteressant.

Was sagt Wikipedia in seinem unbedingt lesenswerten, durchaus kurzweiligen Artikel (w)? U.a. das hier: "Sheriff ist das größte Unternehmen in Transnistrien. Sheriff wurde im Juni 1993 von Wiktor Guschan und Ilja Kasmaly gegründet und erhielt seinen Namen nach eigenen Angaben in Anlehnung an die frühere Tätigkeit der Unternehmensgründer als Polizisten. Sheriff ist heute in zahlreichen Bereichen der transnistrischen Privatwirtschaft aktiv und hat aufgrund seiner wirtschaftlichen Potenz zunehmenden Einfluss auf die transnistrische Politik. Einige Quellen behaupteten, das Unternehmen gehöre in Wirklichkeit dem ehemaligen transnistrischen Präsidenten Igor Smirnow und diene vorrangig dem Zweck der Geldwäsche. Zum Sheriff-Konzern gehören unter anderem auch der Spirituosenhersteller Kvint und das Telekommunikationsunternehmen Interdnestrkom. Sheriff besitzt eine Tankstellenkette, eine Supermarktkette, den Fernsehsender TSW, ein Verlagshaus, eine Wohnungsbaugesellschaft, betreibt seit 1999 die transnistrische Mercedes-Benz-Niederlassung, die Werbeagentur Ekskljusiv, zwei Großbäckereien und den einzigen Mobilfunkbetreiber Transnistriens, die Interdnestrcom. Den Gründern des Konzerns gehört außerdem der international bekannte Fußball-Verein FC Sheriff Tiraspol, dessen für 200 Millionen US-Dollar neu erbautes Stadion mit integriertem Luxus-Hotel wiederum von Sheriff betrieben wird. Sheriff hält außerdem als Betreiber des Tiraspoler Kasinos faktisch das Glücksspielmonopol in Transnistrien und ist über Unternehmensbeteiligungen auch im Bankensektor aktiv.

Mit rücklings getragener, bis zum Bersten befüllter Neuer Hüpferlitasche und Plastiktüten in den Händen steige ich ins erstbeste Taxi und lasse mich zum Ausgangspunkt meiner diesmaligen Stadtvisite bringen.

Tun wir das nicht alle?
Tun wir das nicht alle?

Am Bahnhof habe ich noch eine großzügige halbe Stunde bis zur Abfahrt des Busses zu überbrücken. Mit einem einigermaßen adäquaten Asselplatz ein Kinderspiel. Einen solchen finde ich an den Gleisen des verwaisten Bahnhofs, in dem heute außer ein paar Güterzügen rein gar nichts los ist. Ich setze mich, reduziere das Gewicht einer der beiden Plastiktüten und genieße den Augenblick. Auf alle Fälle clever, nicht über Nacht hier zu bleiben. Die Luft ist schon jetzt, nach läppischen zweieinhalb Stunden, raus. Gut, dass es weiter geht. Außerdem will ich den vermutich ziemlich ätzenden Busritt hinter mir wissen.

Wohngegend in der Nähe des Bahnhofs von Tiraspol
Wohngegend in der Nähe des Bahnhofs von Tiraspol
Das Betreten der Gleise ist auch hier nicht gern gesehen
Das Betreten der Gleise ist auch hier nicht gern gesehen
Asselplatz an den Gleisen, Bahnhof von Tiraspol
Asselplatz an den Gleisen, Bahnhof von Tiraspol

Weiter geht es also nach Odessa. Der Bus fährt pünktlich ab und ist komplett ausgebucht.

Gut, dass ich noch einen Sitzplatz ergattert habe heute Mittag.

Wir nähern uns der Grenze zur Ukraine. Dort angekommen steigt als erstes der transnistrische Beamte in den Bus und sammelt die Pässe nach strenger Gesichtskontrolle ein. Wenige Minuten später kommt er zurück und der Bus fährt weiter, zum ukrainischen Posten. Hier dauert alles etwas länger. Doch dann öffnet sich auch hier die Schranke und der Bus setzt sich in Bewegung. Dieses Mal erreiche ich das Ziel Odessa. Im Sommer 2005 mussten Buzz und ich die Reise aus dem einen oder anderen unter euch Stammlesern bekannten Gründen in Tiraspol abbrechen und umkehren. Beim Betrachten der monotonen, kargen und landschaftlich abtörnenden Landschaft frage ich mich, was Buzz und mich einst bei der Routenwahl überhaupt geritten hat. Absolut ungeeignete Gegend für große Fahrradtouren. Die Busfahrt endet passenderweise direkt am Hauptbahnhof von Odessa. Perfekt. Perfekt? Ja, denn a) kenne ich mich hier von einem vorherigen Besuch, der nun auch schon wieder locker sechs Jahre her ist, aus und b) lässt sich mein Hotel von hier aus bequem zu Fuß erreichen.

Odessa Hauptbahnhof, die Fahrt des Busses aus Bendery endet hier für mich
Odessa Hauptbahnhof, die Fahrt des Busses aus Bendery endet hier für mich
Odessa, Bushaltestellen am Hauptbahnhof
Odessa, Bushaltestellen am Hauptbahnhof
Neugestaltete Gegend am Bahnhof (in einem der Geschäfte erwerbe ich eine Prepaid-Daten-SIM des Anbieters "Kyivstar" und zhale insgesamt drei Euro für vier GB, das nenne ich mal einen "realen" und absolut fairen Preis
Neugestaltete Gegend am Bahnhof (in einem der Geschäfte erwerbe ich eine Prepaid-Daten-SIM des Anbieters "Kyivstar" und zahle insgesamt drei Euro für vier GB, das nenne ich mal einen "realen" und absolut fairen Preis

Plötzlich verfüge ich über eine ukrainische Daten-SIM. Wie geil ist das denn? Ich melde mich bei meiner besseren Hälfte, buche eine weitere Nacht im Hotel Ayvazovsky (die für heute; die für morgen hatte ich schon unter freudestrahlender Nutzung des phasenweise schier unglaublichen Rabatt-Angebots eines namhaften Reiseveranstalters gebucht) und marschiere zur Unterkunft. Doch halt, Moment. Wo ich schon mal hier bin, werfe ich einen Blick auf den Bahnhof. Und schwelge wieder einmal in Erinnerungen.

Kassen in der Odessiter Bahnhofshalle (ob sich die Servicementalität der Angestellten mittlerweile ansatzweise gewandelt hat?)
Kassen in der Odessiter Bahnhofshalle (ob sich die Servicementalität der Angestellten mittlerweile ansatzweise gewandelt hat?)
Odessa Hauptbahnhof
Odessa Hauptbahnhof
Odessa Hauptbahnhof
Odessa Hauptbahnhof
Unterwegs vom Odessiter Hbf zum Hotel Ayvazovsky
Unterwegs vom Odessiter Hbf zum Hotel Ayvazovsky

Unterwegs vom Odessiter Hbf zum Hotel Ayvazovsky; das Gebäude wird heutzutage als kulturelles Veranstaltungszentrum genutzt

Der Marsch vom Bahnhof bis zur Rezeption hat weniger als eine halbe Stunde gedauert. Die hochmotivierte junge Dame ist die Freundlichkeit in Person. Habe selten eine derart serviceorientierte Hotelangestellte erleben dürfen. Auch das Zimmer weiß zu gefallen.


EZ im Hotel Ayvazovsky, Odessa

Es gibt nichts zu beanstanden außer leichtem Moder-Geruch im Badezimmer. Mehrfaches Betätigen der Klospülung verschafft jedoch temporär Abhilfe. Man muss halt bei jeder sich bietenden Gelegenheit spülen und die Badezimmertüre geschlossen halten. Für mich kein Grund, ein anderes Zimmer zu verlangen.

Top-Bett!
Abgesehen vom Geruch gutes Badezimmer


Eilig haste ich wieder los, Richtung Potemkinscher Treppe. Diese ist leider komplett eingerüstet und derzeit nichts weiter als eine Baustelle. Egal, so lange es noch einigermaßen hell ist will ich mich im Freien aufhalten.

Zack, schon bin ich wieder unterwegs (rechts das Hotel Ayvazovsky)
Zack, schon bin ich wieder unterwegs (rechts das Hotel Ayvazovsky, halbrechts ein selten geiler Benz den ich liebend gern direkt mit nach Hause nehmen würde)

Opernhaus von Odessa (w)
Rathaus von Odessa
Rathaus von Odessa
(Meeres?) Museum, Odessa
(Meeres?) Museum, Odessa
Hafen von Odessa
Hafen von Odessa

Futter habe wie vorhergesehen noch genug am Start. Ein Lvivske 1715 in wohltemperiertem Zustand geht von unterwegs noch mit und so erreiche ich schließlich recht abgehetzt eine lauschige Bank im Tarasa Shevchenka Park, die sich etwas abseits des Hauptweges befindet und einen schönen Blick über die Hafenanlagen bietet.

Hafen von Odessa
Hafen von Odessa

Der Platz gefällt mir und so bleibe ich bis es zu dunkel zum Schreiben ist. Zurück zum Hotel brauche ich eine knappe halbe Stunde.

Zurück am Hotel
Zurück am Hotel

Es folgt das übliche Standardprogramm.

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