Tag1:

Monatelang schien der heutige Tag ewig weit in der Zukunft entfernt zu liegen. Seit ein-zwei Wochen realisiere ich jedoch langsam, aber sicher, dass der Megatrip des noch so jungen Jahres sich in Siebenmeilenstiefeln und unaufhaltsam nähert. Ich gebe es an dieser Stelle unumwunden zu: ja, ich bin nervös, teilweise regelrecht gestresst und angespannt. Klar will ich diesen Trip, aber ab und zu schleichen sich trotzdem trübe Gedanken und durch Unsicherheit und im Netz gefundene Schauermärchen genährte Angst in meine Rübe. Und dann ist es soweit, der erste Tag beginnt.

Mit meiner neuen Hüpferlitasche, die das gesamte Gepäck für die zahlreichen folgenden Tage beinhaltet, marschiere ich zum Hauptbahnhof von Hannover. Der ICE nach München ist pünktlich. Anfangs. Darüber hinaus ist er, durchgehend, schwach frequentiert. Das beschert mir während des gesamten Ritts nahezu freie Platzwahl, von der ich ab KS-Wilhelmshöhe erstmals Gebrauch nehme. Die Horde Studenten ist nicht auszuhalten und wenn ich noch länger zuhören würde, könnte die Situation eskalieren. Oh man, der Pulk geht mir mindestens so sehr auf den Sack wie eine Gang weltfremder, sich lautstark gegenseitig in Punkto Verpeiltheit battelnder Backpacker (Buzz liebt sie... ).

Noch mehr reizt mich jedoch die wachsende Verspätung des ICE, die in Augsburg bereits eine gute halbe Stunde beträgt. Das Umsteigen in München könnte knapp werden. Kurz vor Erreichen des Münchner Hauptbahnhofs erfolgt Entwarnung über die Bordlautsprecher: der Zug nach Venezia Santa Lucia wird warten. A ptschiu!

Es geht, soviel dürfte nun schon durchgesickert sein, also tatsächlich mit der Bahn von Hannover nach Venedig. Wie es dazu kommt? Nun, der Gedanke daran, den Wechsel der Landschaften und die Durchquerung der Alpen mit der Bahn zu erleben, hat mir schon immer gefallen. Es dauert natürlich seine Zeit, aber dafür werde ich, in Venedig angekommen, endlich mal ansatzweise ein Gefühl dafür entwickelt haben, wo ich gerade bin. Bei Flugreisen geht mir dieses Gespür leider meist völlig ab. Ein billig geschossener Flug wäre übrigens bei weitem günstiger gewesen als die extrem preiswert (weniger zu zahlen geht nicht!) online gekaufte Bahnfahrkarte (39,- Tacken).


Nur noch wenige hundert Meter bis München Hbf..
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Innsbruck - hätte Bock auf nen kurzen Break!

Innsbruck - links im Hintergrund die bekannte Ski-Sprungschanze


Brennerpass: Europabrücke

Alpenquerung von Nord nach Süd, mit der Eisenbahn ein absoluter (wetterunabhängiger) Genuss!


Brennersee (w)

Via Rosenheim, Kufstein und Innsbruck fährt mich die Bahn auf den Brennerpass. Schon in Innsbruck hätte ich Bock auf einen kurzen Besuch des Goldenen Dachls. In Brenner(o) sind nahezu hundert (mich in den Zug zurück) zerrende Elefanten nötig, um mich von einer Asselei in diesem so charmanten Grenzkaff abzuhalten. Prinzipiell wäre es möglich, die Züge von hier oben nach Venedig verkehren oft genug. Aber einige Träume muss man sich ja für die Zukunft lassen. Kein Witz, eine gepflegte Asselei in Brenner(o), idealerweise direkt auf der Staatsgrenze (Foto), reizt mich schon lange. Hatte die Chancen dafür sogar schon während zurückliegender Venetien-Trips anrecherchiert. Mit dem Ergebnis, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht passt. Wer nicht rafft, was an Brenner(o) so anziehend ist, sollte sich diesen extrem lesenswerten Bericht reinziehen.



Brenner aka Brennero (w), Bahnhof

Nostalgie auf 1371m Höhe!

Das Klima ändert sich...

So schaut´s schon besser aus!

Bolzano/Bozen (w)

Eine Alpenüberquerung hat definitiv seine Reize!

Seit Innsbruck habe ich das 6er Abteil für mich alleine...

Rovereto, Verona, Padova und Mestre trennen mich noch vom Wiedersehen mit meiner absoluten Lieblingsstadt Venedig. Auch diese Distanz ist rasch überwunden und so stehe ich um kurz vor 19h am Canal Grand und reibe mir geflashed die Augen.


Angekommen in Venezia! Hannover - Venedig mit der Bahn! Nach knapp dreizehn Stunden und um etliche Eindrücke bereichert betrete ich nach viel zu langer Unterbrechung endlich wieder venezianischen "Boden"!

Viel Zeit habe ich nicht zu verlieren und latsche zur Dependance der Poste Italiana, um Ansichtskarten samt passender Stampas zu erwerben. Wie üblich biete ich dem Bediensteten eine Menge mir geläufiger Sprachen an und staune nicht schlecht, als der nette Herr tatsächlich Tor3, französisch, wählt (und diese tolle Sprache auch recht gut beherrscht). Hey, unglaublich, Tomasz hat in Venezia Briefmarken am Start! Bislang ist dieses Unterfangen stets an den unendlichen Schlangen in den venezianischen Postämtern gepaart mit meiner schäbigen Ungeduld gescheitert.

Neben dem Postamt hat es einen Coop-Supermarkt, dessen Preisniveau bereits bekannt und fair ist. Schnell Mineralwasser, Käse, Salami, Baguette, Oliven und ein paar Forst erworben und rauf auf die, das nenne ich mal Timing, eintrudelnde 2 gehüpft, geht es schon wenig später nach good old Sacca Fisola. Zurück auf Sacca Fisola (eigene Fotos 1 - 2 - 3, entnommen dem Venedig-Trip-Report vom Februar 2011) freue ich mich, wieder da zu sein. Leider ist es bitter kalt. Nass-kalt, besonders fies. Aber, immerhin, generell trocken.


"Daheim" - Blick von der idealen venezianischen Asselbank (Foto; die Boote, zum Beispiel die Sarah, lassen sich übrigens als Unterkunft mieten)

Nach einer knappen Stunde feinster Asselei nehme ich den Wasserbus der Linie 2 gen Bahnhof und steige am Tronchetto-Parkhaus aus. Entdecke eine prima illuminierte Asselbank, fülle Seiten und störe mich auch nicht am hin und wieder aufkommenden PSF. Die paar besoffenen Briten kann ich locker verkraften. Und die mich auch.


Suchbild: wo ist die neue Hüpferlitasche?

Parkhaus Tronchetto, Venezia

Um kurz nach 23h verzweifle ich kurz. In wenigen Minuten fährt der Zug nach Mestre und der Asiate hat null Checkung, wie der Automat zu bedienen ist. Anstatt durchzudrehen und innerlich wie äußerlich, dem berühmt-berüchtigten HB-Männchen folgend Amok zu laufen, versetze ich mich in seine Lage. Sieh mal einer an, der Typ hat außer seiner Muttersprache nichts daruf, will aber wie ich nach Mestre. Also besorge ich uns beiden gleichzeitig die Tickets (eigentlich hätte ich den Typen zum Blackriden ermuntern sollen, denn es fand wie immer keinerlei Fahrkartenkontrolle statt) und bitte den Weitgereisten um die Erstattung des von mir gönnerhaft verauslagten Preises. Er hält mir sein Portemonnaie offen hin, ich soll mir greifen, was ich brauche. Nein, nicht was ich brauche, sondern, was das Ticket gekostet hat. Vermutlich. Wie auch immer, ich ziehe das Unschuldslamm natürlich nicht ab sondern wünsche eine weiterhin gute und glückliche Reise. Vielleicht, dafür hätte es jedoch einer gemeinsamen Sprache bedurft, hätte ich den von Grund auf (zu?) ehrlich-treudoofen Touri karmamäßig mal vor den auf jeder Reise liegenden Gefahren warnen sollen. Ich drücke ihm jedenfalls beide Daumen dafür, dass er diesen und auch alle folgenden Trips unbeschadet übersteht und idealerweise auch potentielle Ganoven mit seiner Gutmenschmentalität ansteckt.


Oldschool: endlich mal wieder ein Abteil mit herunterdrückbaren Scheiben ganz für mich alleine; stylisher kann eine Fahrt über die Ponte della Liberta nicht ausschauen!Willkommen bei der häßlichen Schwester (die übrigens eine noch häßlichere namens "Marghera" hat)!
Willkommen bei der häßlichen Schwester (die übrigens eine noch häßlichere namens "Marghera" hat)!

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel Aaron komme ich an dem seltsamen Park vorbei, an dem sich auch heute die VIPs der lokalen Penner- und Drogenszene meeten. Ein Jungspund, der chrystalschniefend eine flammende Laudatio auf die Religionsfreiheit in Bella Italia hält und seine Wurzeln in Tunesien hat, will mich zu einer Runde Nasenstaubsaugen einladen. Ohne ihn zu sehr zu verprellen lehne ich dankend ab und bin froh, meine Schlafstätte unbeschadet zu erreichen. Der Wind hier in Mestre weht von Jahr zu Jahr kälter, soviel ist mal sicher.

Die Rezeption des Aaron schließt ab 23h und so werde ich an der des NAchbarhotels, des Piaves, vorstellig. Alles easy und sieh an, die mir heute zugewiesene Butze begeistert. Duschen, TV, WLAN und See`Ya!


Alter Bekannter: Hotel Aaron, Mestre (VE)
Alter Bekannter: Hotel Aaron, Mestre (V
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Füße hoch!
Füße hoch!