Kurztrip nach Spanien bzw. Katalonien
Tomasz in Girona, Barcelona, Badalona, L´Estartit (Costa Brava) und wieder in Girona
- Ende August 2010 -

Tag1, Dienstag:

Morgens schlafe ich aus, kümmere mich dann um die letzten Bus- und Zugfahrpläne sowie Übersichtskarten der Zielgebiete und lege mich nachmittags bereits wieder hin. Schaue mir Schrott im TV an und bekomme irgendwie kein Auge zu. Erst gegen 20h gelingt es mir, in so´ne Art psychedelischen Halbschlaf zu verfallen. Für immerhin zwei Stunden, besser als nichts. Dann verfolge ich den Rest der Partie Sampdoria gegen Werder und bin selbst überrascht, dass ich den Bremern das Weiterkommen gönne. Nach dem Match wird es Zeit, einen letzten Check des Inhalts der altbewährten Hüpferlitasche durchzuführen und zum Bahnhof der niedersächsichen Landeshauptstadt zu latschen.

Tag2, Mittwoch:

Um 0:21h fährt der letzte RE nach Bremen, und zwar mit mir, Tomasz, an Bord. Nutze die 80-Minuten-Fahrt zum Dösen und verrückte Sachen denken. Pünktlich um 1:40h steige ich aus dem Zug und stehe auf dem verwaisten Bahnhofsvorplatz (eigenes Foto). Meine ersten Ziele auf dem Fußweg zum Bremer Flughafen: die Bremer Stadtmusikanten und der Roland.

Die Bremer Stadtmusikanten

Die Bremer Stadtmusikanten (w)

Der Bremer Roland (w)

Der Bremer Roland (w)

Die Uhr auf meinem sechs Jahre alten Oldschool-Handy zeigt an, dass es bereits nach zwei Uhr ist. Freut mich, dass die Zeit dieses Mal anscheinend überraschend fix vergeht. Durch die Böttcherstraße (w) erreiche ich die Weser (w), die ich auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke (w) überquere. Von der Brückenmitte aus genieße ich den Anblick der Schlachte (w; eigenes Foto), denke an die zahlreichen genialen Disco- und Partynächte (eigenes Foto), die ich gemeinsam mit Buzz an Ort und Stelle erlebt habe und freue mich auf zukünftige Styles in der Hansestadt Bremen (w), zum Beispiel im Modernes (eigenes Foto), das bislang immer zu begeistern wusste. Ich folge der wohlbekannten Route durchs nächtliche Bremen und erreiche schließlich, nach über einer Stunde auf Schusters Rappen, den Bremer Flughafen (eigenes Foto).

Es ist kurz nach drei Uhr früh. Ich würde gern nochmal eine Runde entspannen, gegebenenfalls gar noch eine Weile knacken, also suche ich nach einer geeigneten Asselbank. Der Regen hat inzwischen aufgehört und ich habe im Prinzip alles für erholsame Stunden auf einer Bank dabei. Ich weiß wo ich zu suchen habe und werde rasch fündig (hier; eigene Fotos: 1 - 2 - 3).

Assel- bzw. Freak-Observationsplatz am Bremer Flughafen, vor den Autovermietungen

Assel- bzw. Freak-Observationsplatz am Bremer Flughafen, vor den Autovermietungen

Leider macht mir ein total verwirrter, verballerter Saque einen Strich durch das Kalkül, den ich erst, als ich mich schon häuslich einzurichten beginne, bemerke. Der geschätzt vierzigjährige Freak trägt einen gammeligen Jogginganzug und weiße Sportschuhe, hält eine große weiße Plastiktüte in der Hand, ist hager und hält sich die meiste Zeit über regungslos im Schatten der Bäume oder gebückt im Schutze der Büsche und Hecken auf. Alle paar Minuten wechselt er seinen Standort, wodurch ich gottlob auf ihn aufmerksam werde. Ohne mich zu rühren beobachte ich den Typen, der plötzlich beginnt, Selbstgespräche zu führen und hektisch auf und ab spaziert. An Schlaf ist nun meinerseits nicht mehr zu denken, der Macker ist mir alles andere als geheuer.

Um vier Uhr haut er ab. Um eine Viertelstunde später wieder zu kommen, immer lauter dummes Zeug vor sich hin brabbelnd und dazu wild mit den Armen herumfuchtelnd. Mir reichts. Um fünf Uhr habe ich die Schnauze voll von dem Heini und ziehe ins Terminal. Penne eine Dreiviertelstunde im Sitzen und begebe mich zur Sicherheitskontrolle. Vor dem Boarding um zwanzig nach sechs das übliche, unverständliche Spiel, an dem ich ausnahmsweise mal teilnehme. Wie alle anderen Esel auch stelle ich mich in die Warteschlange, denn der Flug scheint extrem stark ausgelastet zu sein und das Wetter verspricht sensationelle Ausblicke über Frankreich, die ich keineswegs verpassen will. Ich bekomme deshalb einen Fensterplatz, freue mich und penne ein. Plötzlich landen wir in Girona. Der Flug hat gefühlte zwei Sekunden gedauert, cool.

Der Flughafen Girona ist überschaubar, die Bushaltestelle nach einem Klamottenwechsel von lang auf kurz auf dem Airport-Klo sofort ausgemacht und das Ticket nach Barcelona schnell gelöst. Vom Busbahnhof in Barcelona mit der Metro zur Placa de Catalunya (w) und schon bin ich da, vormittags um elf Uhr, mitten im Herzen der katalonischen Metropole.

Geil.

Bei El Corte Ingles (w) kaufe ich mir was zu trinken und weiß nach dem Bezahlvorgang nicht, wo ich den Einkaufskorb lassen soll, weshalb ich die muffige Kassiererin fragend ansehe. Sie motzt mich an und deutet auf den Korb. Ich sage ihr auf allen mir zur Verfügung stehenden Sprachen, dass ich sie nicht verstehe, während sie immer wütender und lauter wird. Ihr Ventil ist geöffnet, sie läßt alles was sie an Frust geladen hat, ab. An mir. Ich nehme dieses Geschenk dankbar an und öffne mein Aggressions- bzw. Erschöpfungsventil und schnauze zurück, herrlich, sie bekommt eine umfangreiche Sammlung meiner allerbeleidigendsten Sprüche an ihre häßliche Rübe geknallt und bölkt hochmotiviert zurück. Das ganze zieht sich einige Minuten hin, bis wir beide verstummen. Nun ist endlich mal alles gesagt worden. Ich lege den Korb aufs Förderband, verabschiede mich freundlich und setze mich auf den Katalonien-Platz.

Placa de Catalunya, Barcelona

Placa de Catalunya (360° Ansicht), Barcelona

Placa de Catalunya, Barcelona

Placa de Catalunya, Barcelona (w)

Mein letzter Besuch in Barcelona liegt 13 Jahre zurück, an die damalige Route zum Kolumbusdenkmal und ans Meer erinnere ich mich trotzdem, was kein Kunststück ist. Ich folge einfach, wie 1997, der Rambla (w) gen Süden und biege hier und da mal von der Flaniermeile ab, ganz einfach.

La Rambla - Les Rambles

La Rambla - Les Rambles

La Rambla - Les Rambles, Mercat St. Josep (w)

Barcelona, Plaza Reial

Barcelona, Plaza Reial

La Rambla - Les Rambles,Kolumbus Denkmal

La Rambla - Les Rambles,Kolumbus Denkmal

Entlang der Randa ist natürlich mächtig was los. Für meinen Geschmack zu viel. Bin froh, dass die Herberge meines Vertrauens außerhalb der durchschnittlichen Touristenreichweite, in der schmucklosen, dafür aber vermutlich angenehm authentischen Vorstadt Badalona (Karte) liegt und freue mich schon auf den Aufenthalt dort.

Barcelona

Barcelona

Barcelona, Promenade am Meer bei der Ronda de Litoral

Barcelona, Promenade am Meer bei der Ronda de Litoral

Barcelona ist Pflicht, Badalona (w) die Kür. So stelle ich es mir zumindest euphorisiert vor, als ich um 12:15h für eine gute Stunde am Meer zur Ruhe komme, endlich etwas für meinen körpereigenen Wasserhaushalt tue und bis dato leere Seiten im relativ neuen, dafür aber bereits (Achtung: Herumgepose!) GB-NL-CZ-SK-H-HR-SRB-M-DK und nun schließlich E-erprobten TB mit Leben fülle. Das zehnte Land für mein TB innerhalb eines Vierteljahrs, Chapeau.

Barcelona

Barcelona

Barcelona, Blick auf das Maremagnum

Barcelona, Blick auf das Maremagnum

Die Blase drückt, ich muss dringend entleeren, finde keinen Ort dafür und traue mich nicht, den erstbesten Busch zu wählen. Bin ich ein Ei? Ich finde nicht, denn überall in Barcelona stolpert man über Plakate, die vor den Konsequenzen und Geldstrafen im Falle eines beim-Pissen-Erwischtwerdens warnen. Das Bußgeld beginnt bei 160,- Euro. Ich bin beeindruckt und steuer deshalb zielstrebig das Meeresmusuem, wo ich Vollzug melden kann, an.

Erleichtert steige ich in an der Station Drassanes in einen Wagen der Metrolinie 3 Richtung Canyelles (Übersichtskarte des Metronetzes) und steige an der Passeig de Gracia in die Linie 2 Richtung Badalona/Pompeu Fabra. Wie praktisch, ich komme direkt an der Sagrada Familia vorbei, auf die ich natürlich einen Blick werfe und wenig später weiterfahre.

La Sagrada Familia

La Sagrada Familia (w)

Um 15:30h verlasse ich die Metro (w) am Endhaltepunkt der Linie 2 und kehre an die Erdoberfläche zurück. Badalona empfängt mich, zu dieser Uhrzeit, wie erwartet mit Stille und Leere. Siesta. Ich war so ausgeschlafen, mir eine Übersichtskarte Badalonas einzuprägen und in ausgedruckter Form mitzunehmen, weshalb die Suche nach meinem sorgfältig ausgewählten Hotel keinerlei Probleme bereitet. Zehn Gehminuten später checke ich ein.

Kurz nach der Buchung über ein einschlägig bekanntes Preisportal im Internet hatte ich an der Rezeption angerufen und den Wunsch nach der Unterbringung möglichst weit oben im Gebäude gebeten. Der Wunsch wurde erhört und so bringt mich der Lift in den fünfzehnten Stock, indem sich meine Bleibe, das Zimmer mit der Nummer 1513 befindet.

Ich öffne die Tür, äuge vorsichtig in die Bude hinein und bin absolut begeistert. Bingo, das Hotel, eröffnet Ende 2009, ist der sprichwörtliche Sechser im Lotto, ein Volltreffer! Es hat jeden Stern verdient. Einfach nur dick!
Hochwertiges Möbiliar, Flatscreen (unverständlicherweise ohne deutsch- oder englischsprachige Sender), edles Bad, geniale Zimmeraufteilung, bestens funktionierende Klimaanlage, gratis ADSL-Zugang, Minibar und ein unglaublicher Panoramablick zwingen mich förmlich dazu, nach einer erfrischenden Dusche siffbefreit und zufrieden in die Horizontale zu gehen um eine halbe Stunde zu verschnaufen.

Blick aus dem Fenster auf Badalona

Rafaelhoteles Badalona: Blick aus dem Fenster

Es kostet mich einige Überwindung, nach der mit mir selbst vereinbarten halben Stunde nicht auf der Bude zu versacken aber schon um 16:15h liege ich tatsächlich nach zuvor getätigtem Einkauf in einem sehr preiswerten Supermarkt, dessen Namen ich nie zuvor gehört oder gelesen und schon wieder vergessen habe, am Strand von Badalona. An der Playa De Los Pescadores.

Nitusz zwang mich trotz der seit der letzte Woche auf Malta (hier ein eigener Reisebericht) erworbenen Bräune zur Mitnahme von Sonnencreme, wofür ich ihr jetzt sehr dankbar bin. Die Sonne brennt, ich liege faul herum und hüpf hin und wieder in die warmen, erstaunlich klaren Fluten des Mittelmeeres und bin gut drauf. Um mich herum, die Siesta scheint beendet, füllt sich der Strand und ich stelle erfreut fest, dass ich ausnahmslos spanisch und katalonisch vernehme. Ich wollte authentischen Style, da habe ich ihn. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden höre ich mich leise zu mir selbst Bingo sagen.

Badalona, Strandpromenade

Badalona, Strandpromenade

Badalona, Playa De Los Pescadores

Badalona, Playa De Los Pescadores

Badalona, Playa De Los Pescadores

Badalona, Playa De Los Pescadores

In der Dämmerung zieht es mich kurzzeitig zum Hotel, ich erwarte einen Anruf aus Hannover. Nach dem Telefonat und einer weiteren Dusche schultere ich die mit dem Nötigsten gepackte Hüpferlitasche und latsche nochmal los, ziellos und intuitiv frei Schnauze durch die Wohngebiete Badalonas. In der Nähe der Stadtautobahn namens Autopista Del Maresme entdecke ich außer einer äußerst ansprechenden, bronxigen Fußgängerbrücke (Streetview), die leider videoüberwacht ist und deshalb das Prädikat "assel-adäquat" leider nicht verliehen bekommt, einen sehr netten Park (Streetview). Auf dem Spielplatz spielen selbst um 23:00h noch ein paar Kinder, während die zugehörigen Muttis daneben herumsitzen und tratschen. Mir gefällt es hier so gut, dass ich Wurzeln schlage und letzten Endes bis um 2:00h bleibe. Hatte vor meinem Besuch in Badalona eine Menge Respekt vor der Stadt, fühle mich aber insgesamt pudelwohl und sicher.

Tag3, Donnerstag:

Um halb neun klingelt der Handywecker. Duschen, sieben Sachen zusammenpacken, Hotelzimmerchaos beseitigen und ran ans im Übernachtungspreis inkludierte Frühtücksbuffet, welches allerlei Schmankerl für mich bereithält. Verspeise etliche Porto-Memorial-Schinken-Brötchen und reichlich anderen Kram. Das Frühstück wird bis zum späten Abend ausreichen, um keinerlei Hungergefühle aufkommen zu lassen, und das will was heißen.

Vor dem Check Out werfe ich einen letzten sehnsuchtsvollen Blick aus dem Fenster und weiß, dass ich eines Tages, sofern sich die Preisgestaltung Rainers und des Hotels nicht wesentlich ändert, wiederkommen werde.

Blick aus dem Fenster auf Badalona

Blick aus dem Fenster auf Badalona

Badalona, Playa De Los Pescadores

Rafaelhoteles Badalona (hier, Streetview, wird das Hotel gerade hochgezogen)

Der Fußweg zur Metrostation Pompeu Fabra ist interessant und kurzweilig, denn anders als gestern Nachmittag ist jetzt, um 10:00h, noch keine Siesta. Abgesehen davon, dass auf den Straßen und in den geöffneten Geschäften ordentlich was los ist, gefällt mir Badalona alleine des Styles wegen immer besser. Könnte mich glatt in die Stadt vergucken.

Badalona

Badalona

Endstation der Metrolinie 2: Badalona Pompeu Fabra: über der Erde

Endstation der Metrolinie 2: Badalona Pompeu Fabra: über der Erde

Endstation der Metrolinie 2: Badalona Pompeu Fabra: unter der Erde

Endstation der Metrolinie 2: Badalona Pompeu Fabra: unter der Erde

Von Pompeu Fabra aus fahre ich mit der Metro zur Station Sagrada Familia, die ich heute nicht verlasse. Stattdessen steige ich um in die Linie 5, um rechtzeitig am Hauptbahnhof der Stadt Barcelona, an der Estacio Barcelo Sants anzukommen. Mein Zug nach Girona verläßt den Bahnhof um 11:46h und ich bin schon um 11:15h am Start. Da wird es sicher keine Probs geben, denke ich im Stillen.

Ich habe mich getäuscht. Meine Fresse, was geht denn hier ab? Die Schlangen an den Ticketverkaufsbuden sind der schiere Wahnsinn. Ich raffe sofort, dass ich innerhalb einer halben Stunde keineswegs die Fahrkarten kaufen und den Zug erreichen werden kann, also halte ich nach einem Automaten Ausschau. Fehlanzeige. Es gibt welche, aber an denen kann man ausschließlich Nahverkehrstickets erwerben, verdammt. Inzwischen ist es halb zwölf, nun hilft nur noch die harte Tour, wenn überhaupt. Ich gehe Richtung Abfahrtsgleis und erschrecke: um dorthin zu gelangen, muss man eine gültige Fahrkarte sein Eigen nennen. Habe ich nicht. Und die dämliche Kröte an der Zugangsbarriere läßt sich nicht davon überzeugen, dass ich den Zug unbedingt bekommen muss und selbstverständlich sofort nach Fahrtantritt ein entsprechendes Ticket beim Zugbegleiter lösen werde, meinetwegen auch mit Aufschlag. Die dumme Schrabnelle weist mich mit ukrainisch anmutendender Bahnservicepersonalsfreundlichkeit und der Drohung, das Sicherheitspersonal zu rufen, ab. Es hilft alles nichts, ich muss mich in die Warteschlange einreihen und erstehe um kurz vor zwölf das ersehnte Ticket. Was für eine Scheiße, was für ein Mist. Jedermann weiß: ich hasse Mist!

Nun gut, eine Dreiviertelstunde am Hauptbahnhof von Barcelona abzuasseln ist nun wirklich kein Ding, aber es wirft meine weitere Tagesplanung ziemlich über den Haufen. Um spätestens 14:00h soll ich bei der Billigbutze der heutigen Nacht erscheinen, zahlen und den Zimmerschlüssel abgreifen, da ansonsten niemand dort sein wird. Danach will ich an die Costa Brava, nach L´Estartit. DIe Busse fahren stündlich und bei der jetzigen der dämlichen Alten geschuldeten Verspätung lohnt es sich nicht mehr, nach dem mit der Hostalmutti ausgemachten Check In ans Meer zu riden. Weiser Mann, was nun? Erstmal abwarten und cool bleiben.

Bahnhof Barcelo Sants

Bahnhof Barcelo Sants (w)

Ich schlendere, Zeit habe ich nun unfreiwilligerweise genug, aus dem Bahnhof heraus und erspähe einen Supermarkt, indem ich mich mit Getränken versorge. Anschließend inspiziere ich die nähere Umgebung des Bahnhofs und staune nicht schlecht, als ich den Parc de l'Espanya Industrial sehe. Ein optimaler Ort zum Asseln.

Parc de l'Espanya Industrial

Parc de l'Espanya Industrial (Stadtplan)

Parc de l'Espanya Industrial

Parc de l'Espanya Industrial

Im Zug lehne ich mich zurück, lausche den Klängen meines MP3-Players, fülle Seiten und leere ein-zwei 0,25er Xibeca Buddeln. Nebenbei studiere ich den vorsorglich ausgedruckten und ausnahmsweise nicht auf dem Schreibtisch in Hannover vergessenen Busfahrplan von Girona nach L´Estartit.

Im Zug von Barcelona nach Girona

Im Zug von Barcelona nach Girona

Resultat: wenn ich den Check In Termin platzen lasse, kann ich den gleichen Bus wie geplant ans Mittelmeer bekommen. So mache ich es. Das mit der Bude wird sich schon irgendwie nachträglich regeln lassen. Die Telefonnummer der Bleibe habe ich im Handy eingespeichert. Think african! Selbst, wenn es mit meiner Übernachtung im Hostal Coll nicht hinhauen sollte, würde es keinen Beinbruch bedeuten. Notfalls, bei den Wetterbedingungen kein Ding, mache ich halt auf irgendeiner Parkbank oder am Flughafen, so wie in Bremen, durch. Also, nichts wie ab ans Meer!

Um 14:15h treffe ich in Girona (w) ein und habe eine Viertelstunde Zeit, um den Busbahnhof zu erreichen, ein Returnticket zu kaufen und alles zu Checken. Kein Problem, der Busbahnhof befindet sich direkt neben dem Bahnhof der Eisenbahn und die Fahrscheine nach L´Estartit (w) kann ich direkt beim Chauffeur lösen. Wieder höre ich mich leise das Wort "Bingo!" murmeln.

Die Busfahrt an die Costa Brava dauert unsägliche 65 Minuten und kostet pro Strecke 5,25 Euro. In L´Estartit beehre ich den lokalen Spar-Markt und ziehe gen Norden, gen Steilküste, auf einen adäquaten Chillplatz hoffend. Immerhin hat Buzz, der hier vor etlichen Jahren als Jungspund eine klassische 10-Tages-Rainbow-Reise (so wie ich in Lloret de Mar im Juli 1997) verbracht hat, von den tollen Klippen geschwärmt. Die suche ich jetzt. Und finde sie nicht.

Latsche gefühlt ewig gen Nordwesten, weder lässt der PSF nach, noch finde ich eine hübsche Bucht in den unspektakulären Klippen. Doch dann fasse ich mir ein Herz, kraxel über eine Menge Steine und setze mich an eine Mole. Hierherzukommen ist derart beschwerlich, dass ich den Platz für mich alleine habe. Fast.

L´Estartit, Asselplatz im Nordwesten des Ortes

L´Estartit, Assel- bzw Chillplatz im Nordwesten des Ortes

Ein Typ in meinem Alter, mit Schnorchelausrüstung, wagt es, die Steine bedrohlich eiernd zu überqueren, starrt mich dabei musternd an und lässt sich keine zwei Meter von mir entfernt nieder. Er legt seinen Rucksack und seine Klamotten ab, schlüpft in die Taucherflossen, setzt sich die Brille auf und den Schnorchel in den Mund und watschelt ins Meer, wobei er mich immer wieder prüfend anschaut. Man Alter, Du hast dich nicht in mir getäuscht. Ich werde deine Sachen nicht anrühren, stattdessen vielmehr ein Auge drauf haben und dich sorglos schnorcheln lassen. Denke ich. Und drücke ich wohl auch durch mein Verhalten und meinen Blick aus.

Mir fällt wieder die Bude in Girona ein. Ich rufe die Mutti an und, sie beherrscht die französische Sprache, sage ihr, dass ich erst gegen 21:00h auf der Matte stehen werde. Ist okay. Sehr gut, auch das ist geregelt. Völlig entspannt genieße ich die heißen Stunden am Meer.

L´Estartit, Asselplatz im Nordwesten des Ortes, Blick auf die Medes Inseln

L´Estartit, Assel- bzw. Chillplatz im Nordwesten des Ortes, Blick auf die Medes Inseln (w)

Das Ding blickt ebenfalls in Richtung Illes Medes

Das Ding blickt ebenfalls in Richtung Illes Medes

Gegen 18:45h trete ich den vom Chillplatz fünfzehnminütigen Fußweg zur Endhaltestelle des Busses zurück nach Girona an.

L´Estartit

L´Estartit

L´Estartit

L´Estartit

L´Estartit

L´Estartit

Um 19:15h fährt er mit mir an Bord los, eine Stunde später bin ich zurück in Girona und latsche mit ausgedrucktem Stadtplan (PDF) in der Hand und altgedienter Hüpferlitasche auf der Schulter zum Hostal Coll, nicht ohne unterwegs noch rasch meinen Proviant aufzustocken. Vorsorglich erwerbe ich schon mal das Frühstück für morgen und ein paar Snacks sowie Getränke für den bevorstehenden Abend in Girona.

Vor dem Hostal lungert ein Macker auf ´ner Möfte herum. Ich frage ihn, ob er dazu gehört und er nickt und winkt mit ´nem Schlüsselbund. Na dann mal hinein in die gute Stube. Durch ein enges Treppenhaus führt er mich in den ersten Stock. Öffnet eine Wohnungstür. Wir treten ein. Sofort meldet mein Riechorgan ekelhaften Rauch auf dem Flur. Meine Ohren nehmen laute Stimmen und ätzende Technomucke aus zwei verschiedenen, offenbar belegten Gästezimmern wahr. Das kann ja heiter werden. Der Heini zeigt mir das Duschbad/WC bzw. er läßt mich einen kurzen Blick darauf werfen, zu zweit hätten wir nicht hineingepasst. Kein Klopapier. Nun schließt er mein heutiges Quartier auf. Die knarrende Tür geht auf, voilà, eine karge Knastzelle ohne jeglichen Komfort. Graue Wände, Tisch und Stuhl, ein Regal an der Wand und ein Bett. Auf sechs Quadratmetern. Einzig positiver Aspekt: eine funktionierende Klimaanlage, die ich sofort anschalte. Mit meinem Zwanni in der Hand sagt der Typ Adios und verschwindet. Ich soll den Schlüsselbund morgen früh einfach aufs Bett legen und die Tür hinter mir zuziehen. Das tue ich jetzt auch, ich ziehe die Tür hinter mir zu und setze mich frustriert auf meine Pritsche. Und versinke, lande mit meinem Hinterteil fast auf dem Fußboden. Das nenne ich mal durchgelegen, verdammt. Auf eine genaue Inspektion des Zustandes verzichte ich, will später noch die Augen schließen können, ohne Albträume zu kriegen. Die Erschaffer der Webpräsenz des räudigen Etablissements, allen voran der vermutlich für die ins Internet gestellten Fotos verantwortliche Fotograf Jean De La Trique gehören wegen Täuschung und totaler Touri-Verarsche angeklagt und zu mindestens einem Monat Zwangsaufenthalt in einer der lausigen Kammern des indiskutablen Beherbungsbetriebs verurteilt. So ein Mist!

Hier jedenfalls hält mich nichts, also packe ich umgehend meine Tasche um und latsche durch die Stadt. Reibe mir erstaunt die Augen: was ist denn hier los? Menschenmassen bevölkern das Zentrum der Stadt. Die Außenbereiche der Cafés platzen aus allen Nähten, in einem Park findet ein gutbesuchtes Konzert statt und die Promenaden am Fluss sind voller Flaneure. In der Luft liegen die Schallwellen unzähliger Unterhaltungen und Diskussionen, es riecht nach Sommer und mediteranem Flair. Die Atmosphäre beflügelt mich, treibt mich rasch nach vorn. Gutgelaunt schaue ich mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten an und finde verschiedene Plätze zum Seitenfüllen. Girona gefällt mir, der Style erinnert mich an meinen letzten Abend des Lombardei-Trips im Februar dieses ereignisreichen Jahres. Die Zeit vergeht wie im Flug. Zurück in meiner miesen Drecksbude stelle ich fest, dass es schon 2:30h und das Bett nicht zum erholsamen Pennen nutzbar ist.

Ich rege mich über meine eigene Blöd- und Bequemlichkeit auf. Habe ich zuviel Geld? Bin ich wirklich so ein Ei? Was ist bloß los mit mir? Auf die Übernachtung in diesem beschissenen Loch hätte ich doch nun wirklich verzichten können. Spätestens als ich es gezeigt bekommen habe, hätte ich ablehnen und das Weite, eine kostenneutrale und vermutlich gemütlichere Alternative in Form einer soliden hölzernen Parkbank, von denen in Girona wahrlich mehr als genug zu finden sind, suchen sollen. Oder schonmal zum Flughafen fahren und dort durchmachen bzw. im Terminal oder vorm Terminal oder was weiß denn ich wo ratzen sollen. So habe ich jetzt, eigenständig und vollkommen bewusst, den schwärzesten aller Peter, den, der auch noch die Reisekasse mit unverschämten 20,- Eiern belastet, gezogen. Die Arschkarte. Und es gibt niemanden außer mir selbst, dem dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben möglich ist. Da hilft auch der Gedanke daran, dass es jetzt eh zu spät und nicht mehr zu ändern ist, wenig. Um zur Ruhe und auf andere Gedanken zu kommen, setze ich mich auf das Bett, das diese Bezeichnung zu tragen definitiv nicht würdig ist, und lese Zines. Irgendwann fallen mir dann doch die Augen zu.

Tag4, Freitag:

Um 6:30h klingelt der Wecker. Ich latsche durch die erwachende Stadt zum Busbahnhof und fahre mit dem Bus um 7:00h zum Flughafen. Bin viel zu früh dran. Besser zu früh als zu spät. Ich schlendere durch die Umgebung des Airports, halte nach potentiellen Übernachtungsplätzen Ausschau und entdecke gleich mehrere. Teils sogar überdachte. Gut zu wissen, für zukünftige Besuche. Nochmal werde ich einen Fehler wie den gestrigen nicht begehen. Auf der Flughafentoilette wechsel ich die Klamotten von kurz auf lang und passiere wenig später die Sicherheitskontrolle. Auf das Lieblingsspiel der Esel, das halbstündige gestresste Herumstehen in einer Warteschlange vor dem Gate habe ich heute keine Lust. Ergattere auch so einen guten Platz. Und lande um 11:20h in Bremen, wo mich Regen empfängt. Die Temperatur hat sich mal eben halbiert. Damit fällt der geplante Besuch in Rotenburg an der Wümme leider aus und so sitze ich auf den buchstäblichen letzten Drücker im 12:18h-RE nach Hannover, wo ich um 14:30h, nach einer dringend nötigen Dusche, erschöpft ins heimische Bett falle.

Fazit:

Geiler Trip! Nur das Loch in Girona hätte ich mir nicht geben dürfen... .

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