Verlängertes Wochenende im Mai 2017: "Verbotene" Stadt (Wünsdorf), Solna, Stockholm, Norrviken und Rotebro
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Mit der Einführung eines Mindestbuchungswerts auf die sich nicht nur meinerseits in der "Szene" größter Beliebtheit erfreuenden Pauschalreisegutscheine endet eine Ära. Heute starte ich durch in die letzte der zahlreichen mit freundlicher Unterstützung von Opodo realisierten Trips und da darf ein TR nicht fehlen, zumal ich gleich zwei lange gejagte Fliegen mit einer Klappe erwische: die ehemalige Garnisonsstadt Wünsdorf sowie Schwedens Hauptstadt Stockholm, eine der wenigen mir auf meiner inneren Festplatte noch fehlenden europäischen Hauptstädte.

Tag 1:

Norwegian wird mich um 21:35h von Berlin Schönefeld nach Stockholm Arlanda fliegen. Eine derart späte Abflugszeit zum Auftakt (als Abschluss verhält sich die Sache gegenteilig) ist generell ätzend, in diesem Fall jedoch nicht. Wieso nicht? Weil sich dadurch die Möglichkeit ergibt, endlich die geschichtsträchtige, ehemalige Garnisonsstadt Wünsdorf persönlich in Augenschein nehmen zu können. Voller Vorfreude und Tatendrang begebe ich mich also an einem Freitagmorgen im Mai zum heimischen Hauptbahnhof, an dem schon unzählige unvergessliche Trips ihren Anfang und/oder ihr Ende nahmen.


Auf dem Gelände des ehemaligen ZOB ensteht ein Büroturm
Eine viertelstündige Verspätung stellt mich, sofern es dabei bleibt, vor keine großen Herausforderungen
Eine viertelstündige Verspätung stellt mich, sofern es dabei bleibt, vor keine großen Herausforderungen

Ich freue mich darüber, dass der ICE trotz der viertelstündigen Verspätung aller Vorraussicht nach rechtzeitig genug um den Anschlusszug nach Wünsdorf-Waldsstadt zu ergattern mit mir auf einem der angesichts des exorbitanten Fahrgastaufkommens heißbegehrten Sitzplätze abfährt und verpenne den zweistündigen Ritt nach Berlin Hbf. Am Berliner Hauptbahnhof habe ich genau zwei Minuten Zeit um den nächsten Zug zu erreichen. An und für sich ein Ding der Unmöglichkeit doch er fährt auf dem Bahnsteig direkt gegenüber ein und so komme ich mit. Läuft.

Da ist er, der Zug nach Wünsdorf-Waldstadt
Da ist er, der Zug nach Wünsdorf-Waldstadt

In der sogenannten Bücherstadt Wünsdorf-Waldstadt angekommen schaue ich mich nach einer Gelegenheit, meinen Krempel vorübergehend zu verstauen, um.

Bahnhof von Wünsdorf-Waldstadt
Bahnhof von Wünsdorf-Waldstadt

Ich werde fündig (verrate aber nicht, wo) und latsche los Richtung Haus der Offiziere. Vorher beäuge ich natürlich interessiert das ehemalige, seit Jahren vor sich hin gammelnde Hotel "Märkischer Hof".

Wünsdorf-Waldstadt: hier das ehemalige, seit Jahren vor sich hin gammelnde Hotel "Märkischer Hof"
Wünsdorf-Waldstadt: hier das ehemalige, seit Jahren vor sich hin gammelnde Hotel "Märkischer Hof"

Kaum habe ich die Bahngleise überquert lacht mich ein stilvolles Rad aus DDR-Produktion an. Der Besitzer leiht es mir gegen Zahlung eines Entgelts und schon radle ich die Hauptallee ortsauswärts.

Schon radle ich die Hauptallee ortsauswärts
Schon radle ich die Hauptallée ortsauswärts

Zu Fuß dauert ein strammer Marsch vom Bahnhof zum Container des Wachdienstes übrigens ungefähr fünfzehn bis zwanzig Minuten. Auf der Strecke liegt ein Netto-Discounter (ohne Hund), in dem man sich mit Proviant versorgen kann. Beim heutigen Bilderbuchwetter lege ich bei der Gelegenheit gleich mal ´ne 1,5L-Pulle Mineralwasser nach und freue mich wenig später über die ersten mir ins Auge springenden, brachliegenden Kasernengebäude.

Verlassene Gebäude entlang der Hauptalle, Wünsdorf-Waldstadt
Verlassene Gebäude entlang der Hauptallée, Wünsdorf-Waldstadt
Verlassene Gebäude entlang der Hauptalle, Wünsdorf-Waldstadt
Verlassene Gebäude entlang der Hauptallée, Wünsdorf-Waldstadt
Verlassene Gebäude entlang der Hauptalle, Wünsdorf-Waldstadt
Verlassene Gebäude entlang der Hauptallée, Wünsdorf-Waldstadt

Gegenüber des lokalen Migranten-Erstaufnahmelagers befindet sich ein bemannter Container des Wachdienstes, der das Gelände rund um das Haus der Offiziere vor unerwünschten Besuchern schützt. Mit dem freundlichen Herren, der dort gerade seinen Dienst verrichtet hatte ich bereits telefoniert und meinen Besuch angekündigt und so erwartet mich ein freundlicher Empfang. Nach einem halbstündigem Plausch, in dem ich allerlei wissenswerte Details zur Geschichte der Gegend erfahre wechseln fünfzehn Euro den Besitzer.

Im Gegenzug erhalte ich das Recht, mich ungestört umzuschauen und einen kleinen Plan vom Areal, welches während des zweiten Weltkriegs sozusagen das Nervensystem der Wehrmacht darstellte und wenig später kampflos den Besitzer wechselte. Die Rote Armee bezog Quartier, machte aus dem Dorf eine Stadt in der in Hochzeiten bis zu 75.000 sowjetische Männer, Frauen und auch Kinder lebten und blieb bis 1994. Die Bewohner konnten die "Verbotene Stadt" nicht verlassen (außer mit dem täglich vom 100 Meter entfernt vom eigentlichen Personenbahnhof liegenden "Moskauer Bahnhof" liegenden Endhaltepunkt der Linie Wjunsdorf - Moskva verkehrenden, russischen Zug). Für "normale" DDR-Bürger war es selbstredend umgekehrt nicht möglich, die russische Garnisonsstadt bzw. das Sperrgebiet drum herum zu betreten, das ist klar.

Wünsdorf (Wjunsdorf, wie die Russen zu sagen pflegen) hat eine hochinteressante, mich flashende Geschichte zu bieten die man im gelungenen Artikel auf Wikipedia (w) gut nachlesen kann und dessen Abhandlung den Rahmen dieser bescheidenen, privaten, subjektiven und absolut werbefreien Internetseite sprengen würde.

Der absolute Höhepunkt meines Besuchs wartet gleich zu Beginn der Erkundung des Gebäudekomplexes, dessen Bauten sich sogar von innen besichtigen lassen, auf mich.

Leninstatue und Hauptfassade vom Haus der Offiziere, Wünsdorf aka Wjunsdorf
Leninstatue und Hauptfassade vom Haus der Offiziere, Wünsdorf aka Wjunsdorf

Die Rede ist von dem ehemaligen Haus der Offiziere samt Leninstatue. Mehr oder weniger zufällig entdeckte ich einst in den Weiten des Internets das zugehörige Bild und war sofort begeistert. Umgehend startete ich meine Online-Recherche zu diesem so faszinierenden Ort und beschloss, bei der nächstbesten Gelegenheit hierher zu kommen und mir den Style samt Atmosphäre live vor Ort reinzuziehen. Voilà, da bin ich. Mit ehrfurchtsvoll weichen Knien stehe ich vor der Leninstatue und ergötze mich am wunderschönen Anblick des Ensembles. Wow, absolut wow!

Leninstatue vorm Hauptgebäude, dessen Turmuhr 10:47h anzeigt
Leninstatue vorm Hauptgebäude, dessen Turmuhr 10:26h (welche Uhrzeit zeigt die des Rathauses in Hill Valley in den 80ern an? Richtig, 22:04h, und zwar weil am 12.11.1955 ein Blitz eben jene zerstörte... ) anzeigt
Der Leninstatue bietet sich ungefähr dieser Blick über einstigen Exerzier- wie Sportplatz, Wünsdorf
Der Leninstatue bietet sich ungefähr dieser Blick über den einstigen Exerzier- wie Sportplatz, Wünsdorf
Westseite des Hauptgebäudes mit Übergang zum runden Gebäudeteil, in dem es einst ein 360° Panoramabild zu bestaunen gab (inzwischen lässt es sich in der Stadt Schukow, benannt nach dem Eroberer Wjunsdorfs in der Nähe Moskaus gelegen, bewundern)
Westseite des Hauptgebäudes mit Übergang zum runden Gebäudeteil, dem "Diorama" genannten und erst 1970 in den Gesamtkomplex integrierten Rundbau
Diorama, in dem es einst ein 360° Panoramabild mit dem Titel „Erstürmung des Reichstages durch die Rote Armee" zu bestaunen gab (inzwischen lässt es sich in der Stadt Schukow, einem nach dem Eroberer Wjunsdorfs in der Nähe Moskaus gelegen Ort, bewundern)
Diorama, in dem es einst ein 360° Panoramabild mit dem Titel „Erstürmung des Reichstages durch die Rote Armee" zu bestaunen gab (inzwischen lässt es sich in der Stadt Schukow, einem nach dem Eroberer Wjunsdorfs in der Nähe Moskaus gelegen Ort, bewundern)Schwimmhalle
Schwimmhalle
Offiziersspeisehaus
Offiziersspeisehaus
Eine Sauna durfte in einer russischen Garnisonsstadt nicht fehlen
Eine Sauna durfte in einer russischen Garnisonsstadt, übrigens der größten Millitärstadt auf deutschem Boden, nicht fehlen
Vor dem Betreten des Schwimmbeckens bitte gründlich reinigen
Vor dem Betreten des Schwimmbeckens bitte gründlich reinigen
Schwimmhalle
Schwimmhalle
Innerhalb der Gebäude kann sich der genigte Besucher (derzeit) frei bewegen
Innerhalb der Gebäude kann sich der geneigte Besucher (derzeit) frei bewegen
Kesselhaus (für Heizzwecke, u.a. des Schwimmbads)
Kesselhaus (für Heizzwecke, u.a. des Schwimmbads)
Schwimmbad von schräg oben aus betrachtet
Schwimmbad von schräg oben aus betrachtet
Kino
Kino
Kommt mir gar nicht besonders lange her...
Kommt mir gar nicht besonders lange her vor...

Beim Betrachten des vergilbt-verblichenen Kalenders aus dem Jahr 1992 mache ich gedanklich eine Reise in die Vergangenheit. Wie gern wäre ich damals, zur Zeit des Umbruchs oder gern auch vorher mal hier gewesen. Ich versuche mir vorzustellen, was damals hier so abging und bin maximalst geflashed, logisch. Der Gedanke an den geschichtlichen Hintergrund, die sich hier zugetragenen menschlichen Schicksale, die sich hier ereigneten Geschehnisse im Allgemeinen und das Wissen um die Bedeutung dieses Ortes bescheren mir ein massives Brainstorming. In Worte lässt sich das alles kaum fassen. Und so stelle ich mich entrückt mehrere Minuten lang auf die mittels einer Luke im Dachboden des Speisesaals der Offiziere erreichbare Aussichtsplattform und lasse meine Gedanken ebenso wie den Rundumblick dem kostbaren Moment gebührend minutenlang schweifen. Ich sauge den Style sowie die Atmosphäre auf und versuche, das Gesamtpaket möglichst sicher und umfassend auf meiner inneren Festplatte zu speichern. Ich bin bestens aufgelegt. Rasch wird mir bewusst, dass sich der Besuch in Wünsdorf spätestens jetzt voll und ganz gelohnt hat. Welch fulminanter Flash.

Haus der Kommandatur
Haus der Kommandatur
Panoramasicht von der kleinen Aussichtsplattform auf den Gebäudekomplex "Haus der Offiziere"
Panoramasicht von der kleinen Aussichtsplattform auf den Gebäudekomplex "Haus der Offiziere"

Besucher der Aussichtsplattform sollten Vorsicht walten lassen, denn es wimmelt besonders im Dachgeschoss mitunter nur so vor Hornissen. Es gibt sogar Warnschilder, die ich jedoch erst beim Verlassen des Gebäudes registriere. Unbeschadet verlasse ich das Gebäude und wechsle den Flügel. Im nördlichen befand sich einst das Theater, das ich natürlich genau unter die Lupe nehme.

Theater im "Haus der Offiziere", Wünsdorf-Waldstadt
Theater im "Haus der Offiziere", Wünsdorf-Waldstadt

Im Inneren muss ich schmunzeln und frage mich, wann die um Zuzug buhlenden Image-Plakate des Orts wohl im Foyer des ehemaligen Theaters von "Wjunsdorf" angebracht worden sind. Der große Zuzug hat schließlich und endlich dann ja auch stattgefunden, wie das direkt gegenüber des Containers der Objektschützer an der Hauptalle errichtete große Aufnahmelager sowohl für Flüchtlinge als auch für Migranten aller Art und Herkunft zeigt.

Um Zuzug buhlende Image-Plakate des Orts im Foyer des ehemaligen Theaters von "Wjunsdorf"
Um Zuzug buhlende Image-Plakate des Orts im Foyer des ehemaligen Theaters von "Wjunsdorf"
Nettes Detail, diese Plakette des "VEB Elektroinstallation Sondershausen" im ehemaligen Theater von "Wjunsdorf"
Nettes Detail, diese Plakette des "VEB Elektroinstallation Sondershausen" im ehemaligen Theater von "Wjunsdorf"
Foyer und Garderobe im ehemaligen Theater von "Wjunsdorf"
Foyer und Garderobe im
ehemaligen Theater von "Wjunsdorf"

Ehemaliger Theatersaal von "Wjunsdorf"
So weit ich weiß war das hier mal eine Turnhalle; das gesamte Theatergebäude wurde übrigens mitunter auch als solche genutzt, die einzelnen Bauten erfuhren im Wandel der Geschichte unterschiedliche Nutzungszwecke
So weit ich weiß war das hier mal eine Turnhalle; das gesamte Theatergebäude wurde übrigens mitunter auch als solche genutzt, die einzelnen Bauten erfuhren im Wandel der Geschichte unterschiedliche Nutzungszwecke

Der Kreis meiner Visite schließt sich am Haupteingang bei der Leninstatue. Das runde Gebäude, das Diorama, lässt sich anscheinend nicht besichtigen. Vielleicht stelle ich mich aber auch einfach nur ungeschickt an. Es ist mir relativ egal denn für heute habe ich ohnehin genug gesehen. Im Hauptgebäude (ich nenne es einfach mal laienhaft so) bekomme ich noch die Überbleibsel extremst stylisher Wandbilder sowie einer handgemalten Karte Europas zu sehen (von der Karte ist allerdings so wenig übrig geblieben, dass ich mir das zugehörige Foto an dieser Stelle spare) und schaue mir eben jene (die Wandbilder) recht lange gebannt an.

Garnisonsstadt Wünsdorf, Überbleibsel eines extremst stylishen Wandbilds
Garnisonsstadt Wünsdorf, Überbleibsel eines extremst stylishen Wandbilds
Garnisonsstadt Wünsdorf, Überbleibsel eines weiteren extremst stylishen Wandbilds
Garnisonsstadt Wünsdorf, Überbleibsel eines weiteren extremst stylishen Wandbilds
Style wie Atmosphäre wissen schwer zu begeistern, soviel ist mal sicher
Style wie Atmosphäre wissen schwer zu begeistern, soviel ist mal sicher
Blick auf den Rücken der Leninstatue und den Sportplatz
Blick auf den Rücken der Leninstatue und den Sportplatz

Wie gern würde ich an Ort und stelle in einen fliegenden De Lorean steigen, in die Jahre 1956, 1980, 1991 und 1993 (wenn ich es mir schon aussuchen darf, sind es exakt diese Jahre... ) reisen und erleben, was sich hier einst so alles zugetragen hat. Wenn das Gedanken-Karussel erstmal Fahrt aufnimmt lässt es sich nur schwer stoppen und so halte ich erneut mehrere Minuten lang inne und lasse meiner durch rudimentäres Hintergrundwissen angereicherten Phantasie freien Lauf.

Good Bye, Lenin-Statue vorm Haus der Offiziere von Wünsdorf aka Wjunsdorf
Good Bye, Lenin-Statue vorm Haus der Offiziere von Wünsdorf aka Wjunsdorf

Schnell, zu schnell vergeht sie, meine heutige Zeit in Wünsdorf. Weshalb? Ich habe das Leihrad zur vereinbarten Zeit zurückzugeben. Tja, da muss ich wohl noch mal wiederkommen, denn ich habe längst nicht alles mich interessierende sehen können. Es gibt beispielsweise noch einen beschilderten "Geschichtlichen Rundgang" mit der Länge von ungefähr elf Kilometern, Bunker (mit Führungen) und Museen bzw Ausstellungen die es zu besichtigen gilt. Wenn ich es das nächste Mal im Rahmen eines Flugs von oder nach Berlin Schönefeld zeitlich einbauen kann bin ich wieder da, keine Frage.

So verabschiede ich mich von dem Objektschützer, beehre einen Getränkemarkt mit bestens temperierten Getränken (Bier, Wasser und ´ne selbstredend aus dem erlesenen Hause "Vita" stammende Cola gehen mit) zu fairen Preisen, bringe das Rad zum Eigentümer zurück und fahre mit der Bahn zum Flughafen Schönefeld. Ehe ich das Rad abgebe mache ich noch einen Schlenker zum ehemaligen Endhaltepunkt der Direktverbindung Wünsdorf - Moskau.

Endhaltepunkt der Direktverbindung Wünsdorf - Mosk
Endhaltepunkt der Direktverbindung Wünsdorf - Moskau
Ehemaliger Verladebahnhof und einer der Endhaltepunkte der täglichen (!) Direktverbindung Wünsdorf - Moskau
Ehemaliger Verladebahnhof und einer der Endhaltepunkte der täglichen (!) Direktverbindung Wünsdorf - Moskau

Beim Gedanken an die Nutzung und Bedeutung dieses ehemaligen Verladebahnhofs bzw des Endhaltepunkts der täglichen (!) Direktverbindung Wünsdorf - Moskau - Moskau lasse ich erneut meine Gedanken kreisen. Sehr anregend, diese geschichtsträchtige Gegend.

Zu schade, dass ich den geliehenen Drahtesel aus originaler DDR-Produktion gleich wieder los sein werde...
Zu schade, dass ich den geliehenen Drahtesel aus originaler DDR-Produktion gleich wieder los sein werde...
Bahnhof Wünsdorf-Waldstadt
Bahnhof Wünsdorf-Waldstadt

Am Bahnhof von Wünsdorf-Waldstadt greife ich meinen deponierten Kram ab und steige in den rückblickend viel zu frühen Zug zum dem Kürzel "SXF" zuzuordnenden Flughafen im Südosten Berlins. Anbei eine Karte zur Orientierung.

Vorsicht ist bekanntlich die oftzitierte Mutter der Porzellankiste, eine gute Ratgeberin und besser als Nachsicht, weshalb ich den überaus großzügigen zeitlichen Puffer bis zur Abflugszeit um 21:35h eingebaut habe. Fast zwei Stunden gilt es nun noch zu überbrücken, ehe ich mein Gepäck aufgeben muss. Aufmerksame Leser vergangener TRs wissen, dass mich das hier vor keine nennenswerte Herausforderung stellt, da ich einen adäquaten Stamm-Asselplatz kenne. Nichts wie hin, ab durch die Lücke im Gitterzaun und schon bin ich wenige Schritte später da, wo ich zuletzt im Oktober letzten Jahres abgehangen habe.

Blick über die Gleise gen Süden, entspanntes Abhängen am durchaus adäquaten Stamm-Asselplatz am dem Flughafen Berlin Schönefeld zugehörigen Bahnhof
Blick über die Gleise gen Süden, entspanntes Abhängen am durchaus adäquaten Stamm-Asselplatz am dem Flughafen Berlin Schönefeld zugehörigen Bahnhof

Ein Grund für die Attraktivität des Platzes ist zweifelsohne der Blick auf den Bahnhof und das damit verbundene rege Treiben. S-Bahnen, Züge und Passagiere sorgen für Kurzweil. Dennoch gibt es keinen PSF, da sich außer mir anscheinend niemand hierher verirrt. Der wichtigste Wohlfühl- bzw. Stylefaktor, der meine Gedanken immer abschweifen und anschließend weite Kreise ziehen lässt ist jedoch das Wissen um die historisch hochinteressante Lage. Ich sitze hier sozusagen einen sprichwörtlichen Steinwurf entfernt vom ehemaligen Todesstreifen, wenige Meter vom aus Betonplatten gelegten Kolonnenweg. Der Gedanke daran, wie und was hier vor sagen wir mal 30 Jahren abging ist einfach nur krass. Und "on top" bietet die Betonkante hin zum Gleisbett mir die Möglichkeit, in absolut entspannter Körperhaltung bis dato leere Seiten des Buchs mit Leben zu füllen.

Durchaus adäquater Stamm-Asselplatz am dem Flughafen Berlin Schönefeld zugehörigen Bahnhof (Nordseite)
Durchaus adäquater Stamm-Asselplatz am dem Flughafen Berlin Schönefeld zugehörigen Bahnhof (Nordseite)

Es ist wie fast immer: plötzlich ist´s schon wieder an der Zeit, zu gehen. Zuvor packe ich eine Plastiktüte mit ein paar Dingen, die ich nicht nach Schweden mitnehmen will und verstecke diese in der Hoffnung, sie bei meiner Rückkehr unbeschadet bergen und wieder an mich nehmen zu können. Sollte klappen, da hier auf diesem bronxigen Areal rein gar nichts los und mit keinen Passanten zu rechnen ist. Abgesehen davon verstecke ich hier auch keinen Schatz oder so sondern lediglich ein paar Getränke, über die ich mich am kommenden Montagabend sicher freuen werde.

Der Bahnhof Berlin Schönefeld Flughafen hat Stil und Klasse, keine Frage (ganz besonders so wie hier vom Nordeingang aus betrachtet versteht sich)
Der Bahnhof Berlin Schönefeld Flughafen hat Stil und Klasse, keine Frage (ganz besonders so wie hier vom Nordeingang aus betrachtet versteht sich)Dieser Vogel erfreut mich schon seit einer geraumen Weile
Dieser Vogel erfreut mich schon seit einer geraumen Weile
Berlin Schönefeld, Flughafen
Berlin Schönefeld, Flughafen

So perfekt die Flugverbindungen und -preise ab "SXF" sind, so unkomfortabel ist der Flughafen selbst. Der unangenehmste, den ich kenne, dafür aber über die besten Angebote verfügend. Gleich zwei Superlative auf einmal, ein mieser und ein toller. Richtig ätzend ist die Verspätung des Norwegian-Jets, der viel zu spät landet und zum Boarding bittet. Angesichts der auf den ersten Blick sichtbaren hohen Kapazitätsauslastung werde ich mir die Dreier-Reihe zur Einzelnutzung abschminken müssen, das ist schnell klar. Was soll´s, Hauptsache der Vogel landet nachher einigermaßen pünktlich in Stockholm Arlanda. Anstatt mich zu stressen versuche ich eine gewisse Gleichgültigkeit zu entwickeln und den Dingen einfach ihren Lauf nehmen zu lassen, da ich vermutlich eh nichts daran beeinflussen kann. Sieh mal an, kaum habe ich in den "Mir-ist-jetzt-einfach-mal-alles-Banane"- Modus gewechselt startet das Boarding.

Bingo, kaum habe ich in den "Mir-ist-jetzt-einfach-mal-alles-Banane"- Modus gewechselt startet das Boarding
Bingo, kaum habe ich in den "Mir-ist-jetzt-einfach-mal-alles-Banane"- Modus gewechselt startet das Boarding
An Bord des Norwegian-Fliegers von Berlin Schönefeld nach Stockholm Arlanda, immerhin bleibt der Mittelplatz frei (und ich habe sogar noch einen am Fenster ergattert)
An Bord des Norwegian-Fliegers von Berlin Schönefeld nach Stockholm Arlanda, immerhin bleibt der Mittelplatz frei (und ich habe sogar noch einen am Fenster ergattert)

In Arlanda eile ich zum selbst gegen Mitternacht noch viertelstündlich verkehrenden Flygbus und erwische den um 0:15h. Den Fahrschein erwerbe ich beim Fahrer, der ausschließlich Kartenzahlung akzeptiert und das meinerseits gezückte Zahlungsmittel mit umgerechnet circa 13,- € belastet. Schwedische Kronen brauche ich übrigens keine zu besorgen, da hierzulande selbst der allerkleinste Fliegenschiss bargeldlos bezahlt werden kann (und wird; da fällt mir unweigerlich das furchteinflößende Thema "gläserner Bürger" ein). Es gibt übrigens auch eine, sofern man eine Zeitkarte des ÖPNVs von Stockholm besitzt, keine weiteren Kosten verursachende Möglichkeit für den Flughafentransfer doch dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr. Ich habe mich heute aus uhrzeitbedingten Gründen für den Flybus entschieden und das ist auch gut so.

Nach einer knappen halben Stunde Fahrtzeit steige ich an der ersten Haltestelle des Busses namens "Järva Krog" aus und checke im dortigen Hotel Ibis Styles ein.

"Järva Krog", Blick in meine Bude im gleichnamigen Hotel Ibis Styles
"Järva Krog", Blick in meine Bude im gleichnamigen Hotel Ibis Styles

Ab unter die Dusche, in die Koje und ins Dreamland. Morgen wartet eine bislang gänzlich unbekannte, sicherlich reizvolle Hauptstadt auf meine Erkundung. Der Tag endet so, wie er begann: voller Vorfreude auf das, was kommt.

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