Lissabon und die Azoren (Sao Miguel), Januar 2016
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Tag3:

Putzmunter und frohen Mutes erwache ich in der Früh und schiebe hoffnungsvoll den Vorhang zur Seite. Und bin mies drauf. Was für ein ekelhaftes Kackwetter. Sturm und Dauerregen. Ich checke die einschlägigen meteorologischen Info-Seiten und stelle fest, dass diese sich allesamt einig sind. Den ganzen Tag über ist keine Besserung in Sicht. Bescheidene Aussichten, dabei hatte ich einiges vor. Positives Denken fällt mir schwer. Erstmal duschen und dann ran ans Frühstück.

Wow, die haben tatsächlich ein kleines, aber feines Büffet aufgebaut.

Das kleine aber feine Büffet am Morgen weiß zu begeistern
Das kleine aber feine Büffet am Morgen weiß zu begeistern

Das Wetter ist gelinde gesagt grauslig. Also haue ich mich nach dem Frühstück auf die Koje und schmiede einen auch unter diesen Bedingungen durchführbaren und dennoch ansatzweise befriedigenden Plan für den Tag. Hier kannst Du dir das Tagesprogramm auf der Karte anschauen.

Bin nicht auf die Azoren geflogen, um Trübsal zu blasen. Klar, großartige Wanderungen sowie sonstige Aufenthalte im Freien sind nicht drin, aber es gibt ja Alternativen. In Form von Bädern. Da kommen mir sofort dass auch heute wieder hundert Prozer unbenutzbare Bad bei Ginetes, die Becken beim Caldeira Velha sowie das Stylo-Teil in Furnas in den Sinn.

Das Wetter zeigt sich von seiner miesen Seite, und das bereits seit Weihnachten
Das Wetter zeigt sich von seiner miesen Seite, und das bereits seit Weihnachten (Blick aus dem Badezimmerfenster der Unterkunft)

Das Wetter zeigt sich von seiner miesen Seite, und das bereits seit Weihnachten (Blick aus dem Badezimmerfenster der Unterkunft)
Quinta das Hortências
Quinta das Hortências

Die Route führt gen Osten, an der Küste entlang bis hinter Ribeira Grande. Unterwegs ergänze ich den Proviant in einem großen Continente Supermarkt. Das Preisniveau entspricht jenem auf dem portugiesischen Festland.

Inseltypische Kirche in Fenais Da Luz
Inseltypische Kirche in Fenais Da Luz
Typische Landschaft auf Sao Miguel
Typische Landschaft auf Sao Miguel
Ribeira Grande
Ribeira Grande

Sao Miguel zeigt sich in dieser Gegend erstaunlich untouristisch. Was nicht bedeutet, dass ich mich irgendwo sonst bislang wie im Disneyland oder so gefühlt habe, ganz im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass es ein paar touristische Hot-Spots gibt, der Rest der Insel jedoch recht authentisch und unverdorben daher kommt. Allerdings bin ich gerade zur absoluten Anti-Saison unterwegs, da kann mich meine Wahrnehmung sicher täuschen. Schließlich liegen auch in Venedig bezüglich der Atmosphäre zwischen einem Aufenthalt im Juli und einem im November gelinde gesagt Welten. Wie auch immer.

Ich biege ab Richtung Lagoa da Fogo und parke den Mietwagen auf dem Parkplatz beim Eingang zum Caldeira Velha, am nördlichen Abhang des Vulkans Vulcão do Fogo. Was zieht mich dorthin? Die landschaftliche Schönheit, die Hoffnung auf ein Entspannungsbad in dem Becken vor dem Wasserfall oder in jenem, welches von den heißen Blubberquellen gespeist wird und die Vermutung, dass es in dem Taleinschnitt recht windgeschützt sein wird. Der Sturm ist nämlich wie schon erwähnt mindestens genauso abtörnend wie der ergiebige Dauerregen.

Niemand hat gesagt, dass das Wetter auf Sao Miguel im Januar bilderbuchartig sein würde und so nehme ich es recht gelassen hin - manche Dinge kann man einfach nicht ändern...
Niemand hat gesagt, dass das Wetter auf Sao Miguel im Januar bilderbuchartig sein würde und so nehme ich es recht gelassen hin - manche Dinge kann man einfach nicht ändern...Eingang zur/zum (?) Caldeira Velha
Eingang zum Caldeira Velha

Kaum habe ich das selbst für meinen Geschmack faire Entgelt gezahlt und das Areal betreten, hört es plötzlich auf zu schiffen. Vögel singen und der Himmel ist heller als zuvor. Paradiesisch.

Paradiesisch
Paradiesisch
Ein kleiner Wasserfall, fein, sowas liebe ich!
Ein kleiner Wasserfall, fein, sowas liebe ich!

Der kurze Fußweg vom Parkplatz zum Wasserfall ist bereits ein Highlight. Ich lasse mich von der Natur verzaubern und komme mit einem Angestellten ins Gespräch. Er hat definitv einen tollen Arbeitsplatz und glaubt, dass das Wetter morgen erstmals seit Ende letzten Jahres besucherfreundlich sein wird. Da drücke ich doch glatt beide Daumen. Er hat einen Tipp parat: auf der Straße zurück nach Ribeira Grande werde ich rechter Hand einen braunen Wegweiser entdecken. Diesem soll ich folgen, bis zu einem Wasserwerk. Und dann soll ich rechts davon ganz steil nach unten fahren und mich dann an einem Wasserfall und einer begehbaren Klamm erfreuen. Das alles werde ich mir geben, klar.

Caldeira Velha
Caldeira Velha (der eigentliche Star ist jedoch für mich das Badebecken unterhalb des Wasserfalls)

Er hat jedoch nicht nur gute Informationen für mich. Leider muss er mich darüber in Kenntnis setzen, dass ein Bad in dem Becken vorm Wasserfall derzeit nicht erlaubt ist. Würde das Verbot liebend gern ignorieren. Zumal die Gründe m.E. recht Banane sind. So Banane, dass ich sie heute, beim Tippen dieser Zeilen, bereits vergessen habe. Letzten Endes breche ich die Regeln dann aber weicheimäßig lieber nicht. Keine Lust auf den Anschiss. Was soll´s. Halb so schlimm, gibt es doch eine (obendrein wärmere) Alternative weiter unten. Beim Informationszentrum befindet sich ein weiteres, ebenfalls mit extrem eisenhaltigem, vulkanerwärmten Wasser gefülltes Badebecken.

Informationszentrum im Caldeira Velha Areal; hier befinden sich zudem Umkleidemöglichkeiten, Duschen und Toiletten
Informationszentrum im Caldeira Velha Areal; hier befinden sich zudem Umkleidemöglichkeiten, Duschen und Toiletten
Heiße, blubbernde Quellen beim Caldeira Velha, Sao Miguel
Heiße, blubbernde Quellen beim Caldeira Velha, Sao Miguel

Mit den Fingern teste ich die Wassertemperatur. Mehr als nur angenehm, nichts wie rein. Die Klamotten lege ich in den Schrank.

Schrank und Badebecken, Caldera Velha, Sao Miguel
Schrank und natürliches Thermalbecken, Caldeira Velha, Sao Miguel

Das Wasser, dem medizinische Heilkräfte zugeschrieben werden, ist ein Traum. Tiefenentspannt liege ich faul herum und meditiere. Dann kommt ein Schwung weiterer Badegäste dazu, der sich lautstark unterhält. Schade um die Stimmung aber immerhin handelt es sich um eine überdrehte, balzende und frisch zusammengewürfelte U20-Schar, die sich auf deutsch verständigt. Ich folge notgedrungen den Unterhaltungen und werde bestens unterhalten. Auf die Idee, dass ich der verwendeten Sprache mächtig sein könnte, kommt niemand.

Überdrehte, balzende und frisch zusammengewürfelte U20-Schar im unteren Badebecken, Caldeira Velha
Überdrehte, balzende und frisch zusammengewürfelte U20-Schar im unteren Badebecken, Caldeira Velha

Beim Verlassen des Geländes freue ich mich darüber, dass es immer noch so gut wie trocken ist. Leichter Nieselregen, damit kann ich heute bestens leben. Schnell zum Auto, noch einen Blick auf Ribeira Grande von schräg oben werfen und dann nichts wie ab zur vom Typen vorhin empfohlenen Sehenswürdigkeit.

Blick auf Ribeira Grande von schräg oben
Blick auf Ribeira Grande von schräg oben

Tatsächlich kommt nach wenigen hundert Metern rechter Hand das angekündigte braune Schild und ich folge der Wegbeschreibung. Gern würde ich die Lage auf einer Karte zeigen, aber ich finde den Ort einfach nicht wieder. Den Abzweiger sehe ich auf googlemaps, aber Fluss, Wasserfall und Klamm sind weshalb auch immer online unauffindbar.


Ost-Style ganz weit im Westen Europas
Es geht steil abwärts
Es geht steil abwärts - der Stollen rechts interessiert mich, ist aber leider wie zu erwarten verschlossen

Unten angekommen steige ich aus und betrachte zunächst den Wasserfall. Imposant ob der brachialen Naturgewalt, mit der das Wasser durch die Enge schießt. Ja, in den letzten Wochen ist ganz offensichtlich eine Menge Niederschlag heruntergekommen über Sao Miguel.

Hinter dem Haus geht es steil aufwärts. Hat man die Treppen erklommen, wartet eine ansprechende Klamm-Passage auf den geneigten Besucher. Schon jetzt freue ich mich über den Tipp. Der Abstecher hat sich gelohnt. Vorhin drückte ich beide Daumen fürs Wetter. Nun geht der Hermann-Rieger-Memorial-Daumen für die Klamm steil nach oben! Top-Tipp!

Stiegen zum Klammweg
Stiegen zum Klammweg

Stiegen vom Klammweg
Aufmerksamkeit und Vorsicht sind angebracht
Hans-Guck-In-Lufts aufgepasst: Aufmerksamkeit und Vorsicht sind angebracht

Weg durch die Klamm
Ende der Klamm
Ende der Klamm

Am Ende der Klamm, deren Namen und genaue Lage ich leider nicht anzugeben vermag, wartet eine kleine Bude auf mich. Ein willkommener Unterstand denn inzwischen regnet es wieder stark. Kurz genieße ich das mich umgebende Szenario und frage mich, ob die Bude das Potential hätte, in die großen Fußstapfen des PMI-Büdchens zu treten. Ja, hat sie.

PMI-Büdchen reloaded?
PMI-Büdchen reloaded?

Bei gutem Wetter wäre ich dem parallel zur Wasserleitung entlang führenden Wanderweg noch eine Weile gefolgt. So drehe ich um. Setze mich ins Auto und frage mich, was ich nun noch schönes treiben könnte. Bei dem Wetter. Das Thermalbad Poça da Dona Beija (Betreiberfoto 1 - 2 - 3) in Furnas erhält den Zuschlag. Wollte ich eh besuchen, allerdings ursprünglich erst morgen. Was soll´s. Bei dem Dreckswetter muss ich halt umdisponieren. Die komplette Inselumrundung ist ohnehin bereits abgeschrieben.

Auf dem Weg nach Furnas
Auf dem Weg nach Furnas, an der EN2-1A

In Furnas (w), auf der Suche nach dem Poça da Dona Beija

Das von mir favorisierte Bad ist gar nicht so einfach zu finden und so verfranse ich mich. Finde mich am Furnas-See, dem Lagao Das Furnas (w) wieder.

Am Lagoa Das Furnas
Am Lagoa Das Furnas
Am Lagoa Das Furnas
Am Lagoa Das Furnas

Den geothermischen Aktivitäten am Seeufer widme ich bei dem Platzregen keine Aufmerksamkeit sondern fahre zurück. Starte den zweiten Anlauf der Suche nach dem Poça da Dona Beija (welches seinen Namen übrigens der brailianischen Telenovela "Dona Bejia" verdankt) und halte unterwegs kurz, um mir Furnas von oben anzuschauen.

Furnas von oben
Furnas von oben

Im zweiten Anlauf finde ich das Bad. Parke den Wagen und taper zum Eingang. Drei Euro sind für den Eintritt, ein weiterer Euro für die Benutzung des Schliessfachs zu entrichten. Mehr als fair.

Eingang zum Top-Bad (ja, das Wetter ist in der Tat so mies wie es dem Foto nach den Anschein hat)
Eingang zum Top-Bad (ja, das Wetter ist in der Tat so mies wie es dem Foto nach den Anschein hat)

Es gibt vier verschiedene Becken. Selbstredend will ich jedes beehren, also gehe ich systhematisch vor und starte beim Hintersten. Die Pools werden auch hier (wie beim Caldeira Velha) von extrem eisenhaltigem, geothermisch erhitztem Thermalwasser gespeist. Auch hier werden gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Auch hier ist es traumhaft. Die Wassertemperatur weicht von Becken zu Becken geringfügig ab, größer sind die Unterschiede bezüglich der Tiefe.

Das Bad hat verschiedene Namen. Unter anderem "Poça da Juventude" (Pool der Jugend) oder "Poça do Paraíso" (Paradies-Pool). Bei der Namensgebung wurde definitiv nicht zu hoch gepokert. Die hätten glatt von mir kommen können. Ich fühle mich nämlich wie neu geboren und gleichermaßen wie im Paradies.

Umkleidekabinen und Schliessfächer
Umkleidekabinen und Schliessfächer

Nach fast zwei Stunden, in denen ich einfach nur von Becken zu Becken gewandert und mental in diversen Paralleluniversen unterwegs war, verlasse ich das Bad. Manchmal werden zwei Stunden zu Sekunden, so auch hier in diesem unfassbar schönen, revitalisierenden Bad. Wenn es irgendwie einzubauen geht, werde ich morgen wiederkommen, soviel ist sicher. Sicher ist auch, dass ich rechtzeitig zum Sonnenuntergang (die Hoffnung darauf, einen solchen zu sehen zu bekommen stirbt zuletzt) in Lagoa an der Südküste, wenige Kilometer von Ponta Delgada, sein will. Dort befindet sich die Unterkunft der beiden folgenden Nächte, das Hotel Arcanjo.

Bis dorthin ist es ein recht weiter, zeitfressender Ritt. Liegt zum einen an den kurvenreichen Straßen und zum anderen daran, dass hier und da die Folgen des Unwetters behoben werden müssen. Später erfahre ich, dass heute tatsächlich für ganz Sao Miguel eine Unwetterwarnung herausgegeben wurde und das Unwetter im Tagesverlauf über die Insel gefegt ist. Zum Abend hin bessert es sich minütlich. Ein sichtbarer Sonnenuntergang scheint plötzlich tatsächlich wieder zum Greifen nah. So schnell kann´s gehen.

Die Straßenverhältnisse bessern sich nach dem Unwetter wieder
Die Straßenverhältnisse bessern sich nach dem Unwetter wieder
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Ein sichtbarer Sonnenuntergang scheint plötzlich tatsächlich wieder zum Greifen nah
Ein sichtbarer Sonnenuntergang scheint plötzlich tatsächlich wieder zum Greifen nah (Blick auf Vila Franca Do Campo)

In Lagoa gibt es einen großen Continente. Hier decke ich mit dem für die restliche Aufenthaltsdauer nötigen Proviant ein und besorge schon mal die Mitbringsel für daheim. Viel geht nicht mit, da die Aufnahmekapazität meiner Neuen Hüpferlitasche begrenzt ist (wie soviele andere Aufnahmekapazitäten auch, aber das ist ein anderes, diesen Rahmen sprengendes und mich zur Weißglut treibendes Thema) und so entscheide ich mich für Azorentee. Auf Sao Miguel gibt es nämlich tatsächlich Teeplantagen und so landen demnächst grüner wie schwarzer Tee von Sao Miguel auf der heimischen "Kaffee"tafel.

Continente Supermarkt in Lagoa, an der Südküste von Sao Miguel
Continente Supermarkt in Lagoa, an der Südküste von Sao Miguel

Das Hotel Arcanjo befindet sich nur wenige Meter vom Atlantik entfernt. Ich parke den Wagen kostenfrei, checke rasch ein, optmiere die Neue Hüpferlitasche und hetze ans Meer. Dort angekommen ist es zwar recht trocken, dafür aber extrem stürmisch. Zu stürmisch für eine ungeschützte Asselei. Also fahre ich den Wagen vor. Scheibe runter, Sitz bequem einstellen und Tb zücken lautet nun meine Devise.

Schroffe Felsenküste bei Lagoa, Sao Miguel
Schroffe Felsenküste bei Lagoa, Sao Miguel
Schroffe Felsenküste bei Lagoa, Sao Miguel
Schroffe Felsenküste bei Lagoa, Sao Miguel

Und dann wird es tatsächlich noch etwas mit dem Sonnenuntergang.

Bis es zu dunkel zum Seitenfüllen ist, bleibe ich noch im Auto sitzen.

Dann füllt sich plötzlich das Restaurant hinter mir und das Treiben um mich herum wird mir zu stressig. Ich bringe meinen Krempel aufs Zimmer und schaue mich dort erstmal genauer um. Alles gut. Nur die schäbige kleine Glotze bietet ein jämmerliches Bild, im wahrsten Sinne des Wortes. Immerhin hält sie RTL bereit.

Ich drehe noch eine Runde durch den Ort.

Frischgeduscht ziehe ich mir anschließend RTL und Internetkram rein, ehe ich hundemüde einpenne.

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